Der Begriff Religion kommt vom lateinischen Wort religio, welches „Rückbindung“ bedeutet. „Rückbindung“ kann verstanden werden als Rückhalt, Rückversicherung, Anlehnung. Die Vorsilbe „re“ kann aber auch „wieder“ bedeuten. Dann handelt es sich um eine erneute Bindung an etwas, das einen vorher schon gebunden und gehalten hat. Religion meint letztlich beides: die Rückbindung an Mächte und Kräfte, die den Menschen immer schon bestimmen, an die sich der Mensch in der „Religion“ erneut und ausdrücklich erinnert, um sich an sie zu binden.
Religion gehört zu allen Kulturen, zu allen Völkern, zu allen Zeiten. So weit uns bekannt ist, gab und gibt es kein Volk, keine Kultur, keine Gesellschaft, die nicht in irgendeiner Weise mit Religion verbunden gewesen wäre, Religion hatte und ausübte. Dabei gehören Religion und Kultur engstens zusammen. Kultur formt Religion, Religion prägt Kultur. Schon von der Wortbedeutung her (lateinisch „cultus“ = Pflege, Verehrung, Bildung, Lebensweise) ist die Nachbarschaft zur Religion erkennbar. Der Bereich der Kunst gehört unzweifelhaft zur Kultur, und die Religionen der Völker sind ohne Kunst nicht zu verstehen, haben Kunst und Kultur ermöglicht, Kunst entfaltet, sich künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten bedient. Bilder und Skulpturen gehören ebenso zur religiösen Darstellung wie Dichtungen, Erzählungen, Mythen und Sagen. Kunst und Kultur sind in der Geschichte der Menschheit ebensowenig zu trennen wie Religion und Kultur. Erst die säkulare Welt hat auch eine säkulare Kunst entwickelt; man kann allerdings fragen, ob nicht alle Kunst und Kultur zu jeder Zeit religiöse Bezugspunkte zumindest implizit enthält.
In der Religion setzt sich der Mensch zu seinem Gott und / oder zu seinen Göttern in Beziehung. In den Göttern personifiziert der Mensch die ihn übersteigenden Mächte und Kräfte. In ihnen erkennt er den Ursprung der Gewalten, die ihn zum Objekt ihres Willens machen, die über ihn bestimmenden Einfluss haben. Das menschliche Subjekt personifiziert objektive Mächte als Gottheiten, als deren Objekt er sich selbst wiederum erfährt, - die darum als Götter eigenständige Subjektivität entfalten. Ursprünglich vermittelte die Naturerfahrung eine unmittelbare Gotteserfahrung, wurde die Natur und die Naturgewalten doch als den Menschen übersteigende Macht erfahren, der er sich nicht widersetzen konnte, der er sich nur anpassen und unterordnen konnte, mit der er sich in der Religion in Beziehung zu setzen suchte. Fruchtbarkeit und Tod, die existentiellen Grunderfahrungen, entsprangen beide der unerklärlichen Kraft der Natur. So wurde die Natur, deren Teil der Mensch ist, zum Usprungsort der Religion; die Religion aber wurde Sachwalterin des Heiligen, dem die übrige Welt als Profanum entgegentrat.
Gottheiten werden als machtvoll, heilbringend oder bedrohlich erfahren. Erst in der weiteren religiösen Reflexion wird die Gottheit als einzigartig, als unendlich und unbegrenzt in Zeit und Raum begriffen, als diejenige Macht, die von den Grenzen des Menschen nicht betroffen ist. Die Allmacht eines Gottes entspricht der Allmacht der Naturgewalt ebenso wie der Unverfügbarkeit des Schicksals, das den einzelnen Menschen trifft. Offen bleibt bisweilen, wieweit die Götter nicht selber dem Schicksal unterworfen sind. So sehr der Mensch durch Beobachtung die Natur zu verstehen lernte, konnte er sich ihrer doch nie ganz bemächtigen; noch weniger kann und konnte der Mensch je die Mächte des Schicksals, als der zufälligen Ereignisse, die das einzelne Leben bestimmen, erkennen, begreifen oder gar bewältigen. Die Gottheit als das Heilige wirkt vielleicht durch die Natur und Geist, aber sie folgt dabei ihren eigenen Gesetzen oder ihrer eigenen Willkür, der sich der Mensch als ihr Objekt ausgeliefert sieht und die er nur durch ein bestimmtes eigenes Verhalten günstig beeinflussen kann. Dem dienen die verschiedenen Rituale, die alle Religionen kennen. Sie wachen über die Grenze zwischen dem Göttlich-Heiligen und dem Weltlich-Profanen.
Damit kommen wir zu den Funktionen der Religion; es sind dies die soziale, die kultische und die spirituelle Funktion der Religion.
Religiöse Kulte regeln soziale Verhältnisse und garantieren die Ordnung gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen und Völkern. Wir denken dabei an die grundlegende Unterscheidung von Priestern und Laien, von Gott - König - Volk, von Heiligem und Unheiligem, rein und unrein, von Ständen und Kasten, Herrschern und Untertanen, von den religiös bestimmten Aufgaben und Verantwortungen, in der der Mensch von Geburt an und durch Geburt hineinversetzt wurde. Was uns in unserer heutigen Kultur als Unfreiheit und Beschränkung individueller Möglichkeiten erscheint, wird doch in anderen Kulturen als sinnstiftende Sicherheit und heilsame Einfügung des einzelnen in eine gesellschaftliche Ordnung empfunden, die gegen das unberechenbare Schicksal einigermaßen absichern kann. Andererseits kann Religion dadurch von Machthabern auch zur Durchsetzung von Herrschaftsinteressen instrumentalisiert werden. Dagegen war und ist Religion zu allen Zeiten nicht gefeit.
Die sinnstiftende und stabilisierende Funktion der Religion wird besonders im Hinblick auf das Leben des einzelnen Menschen aktuell. Durch Rituale und kultische Zeremonien wird das Profane geheiligt, ausgesondert. Die kritischen, teilweise lebensgefährlichen Passagen des Lebens werden begleitet und gesichert: Geburt, Adoleszenz, Hochzeit, Tod. Hier liegen für den Menschen Glück und Leid, Leben und Tod dicht beieinander. Religion ist in diesen Lebensphasen präsent, tröstet und stützt und sichert so die Stabilität des weitergehenden Lebens von Generation zu Generation. Es ist nicht erstaunlich, dass sogar in unserer säkularen Gesellschaft das Bedürfnis des einzelnen nach religiöser Begleitung („Dienstleistung“) während dieser traditionell kritischen, auch heute als besonders erlebten Lebensphasen nicht nachgelassen hat.
Schließlich spricht Religion die geistlich-geistige Seite des Menschen an. Sie verleiht dem spirituellen Bedürfnis des Lebens der Menschen Ausdruck. Religion artikuliert hier das Bewusstsein des „Mehrs“ hinter allen Begrenzungen und partikularen Evidenzen des menschlichen Lebens. Menschliches Leben erschöpft sich offenbar nicht in der erfahrbaren Welt der Gegenstände, menschliches Handeln allein (vita activa) macht noch kein erfülltes Leben. Diejenige Seite des menschlichen Selbstbewusstseins, die sich mit den Möglichkeiten und Erfahrungen der Seele und des Geistes befassen, sucht in der spirituellen Kraft der Religion ihre Erfüllung und Befriedigung. Das Göttliche, dessen empfangendes Objekt der Mensch ist, wird selber als intensivstes Subjekt und konstituierende Urkraft der eigenen Subjektivität erfahren. Kontemplatives Leben des einzelnen öffnet sich dem Universum des Lebens als Ganzem (vita contemplativa). Die spirituelle Funktion der Religion ist gewissermaßen ihre Tiefendimension, die aller sozialen und kultischen Funktion vorausgeht.
Dieser erste Überblick über „Religion“ zeigt so viel: Religion ist kein vergangenes oder altertümliches Phänomen; alle atheistischen Weltanschauungen, die mit einem „Absterben“ der Religion rechneten, haben sich gründlich verrechnet. Wieviel Potenz der Religion zugetraut wird, zeigt die gegenwärtige chinesische Staatsregierung, die bei aller wirtschaftlichen Öffnung der chinesischen Gesellschaft die Unkontrollierbarkeit der Religion fürchtet wie sonst nur der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Religion ist deswegen ein stabiler Faktor in der Welt, weil Religion eine wesentliche Dimension des Menschen ist. Religion gehört zum Menschsein. Dies macht die Frage nach ihr immer wieder zu einer dem Menschen wesentlichen Frage. Denn ohne Religion, so der Umkehrsatz, verlöre der Mensch ein Stück seiner eigenen Menschlichkeit.
In der europäisch-westlichen Kultur hat die Religion seit Beginn der Neuzeit einen wesentlichen Bedeutungswandel erfahren. Grund dafür ist die geistige Bewegung, die überhaupt erst zur Neuzeit führte: die Aufklärung. Berühmt ist die Definition Immanuel Kants: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Kant fasst bereits zusammen, was lange vor ihm begann. Renè Descartes hatte postuliert „cogito ergo sum“, ich denke, und darum bin ich; mein Ich denkt, dadurch werde ich zu einem existenten Wesen. Nicht die Natur schafft den Menschen, nicht Götter verleihen das Leben, nicht der göttliche Geist konstituiert das menschliche Subjekt, sondern der Mensch konstituiert sich selber als Subjekt. Der Mensch schafft sich selbst als geistiges Wesen; sein Denken, seine Fähigkeit zur Reflexion und Selbstreflexion, begründet sein Menschsein. Eine Gottheit ist dafür nicht mehr von Nöten. Der Mensch macht sich zum Maßstab seiner selbst; er konstituiert sich als freies, selbstverantwortliches und selbständiges Subjekt: Der Mensch wird „frei“. Die Welt steht nun dem mündig gewordenen Menschen zu seiner Verfügung; sie wird planbar, gestaltbar, machbar. Wie der Mensch sich selber schafft, so schafft er sich die Welt nach seinem Bilde. Auch die Natur verliert ihre Schrecken und ihre Unbezähmbarkeit. Letztlich, so das neu erwachte Selbstbewußtsein, werde der Mensch auch alle Kräfte der Natur bannen und in seinen Dienst stellen. In dieser Hinsicht, als Garanten der Naturordnung und ihrer Kräfte, haben die Götter seit der Aufklärung ausgedient.
Die Aufklärung schafft Säkularität. Die Welt wird weltlich; sie bedarf zu ihrem Verständnis nicht mehr der Begründung durch die Religion. Wissenschaft und Forschung, Technik und Entwicklung werden nun umfassend zur Beherrschung von Welt und Natur eingesetzt - und zur Beherrschung des Menschen, soweit dieser Teil der Welt und selber Natur ist. Die Bedeutung der Religion verschiebt sich; mögen die Naturkräfte nun erklärbar und beherrschbar sein, das Schicksal des einzelnen Menschen bleibt so ungewiß wie eh und je. Religion wird zur Herzensangelegenheit und zum Seelentrost des Individuums, sie gerät damit zunehmen in die Privatsphäre des Menschen. Hierfür war im Raum der christlichen Religion die Reformation wegbereitend. Der einzelne vor Gott, die Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, die Konzentrierung der Bedeutung des Wortes Gottes auf das heilsame „pro me“, auf die trostsuchende Einzelseele waren die Kernelemente, die eine neue reformatorische Religion der Innerlichkeit und Privatheit hervorbrachten. Die gesellschaftliche Funktion der Religion verschob sich hin zur Moral begründenden und vermittelnden Metainstanz: Gott wurde als moralischer Gesetzgeber zum Postulat der praktischen Vernunft.
In neuer Form war hier die Unterscheidung von Heiligem und Profanem aufgebrochen, wobei nun nicht mehr die Welt vor dem unkontrollierbaren Hereinbrechen göttlicher Mächte bewahrt werden muss, sondern wo die Welt sich als Öffentlichkeit selbst behauptet und das Heilige der Religion ins private Kämmerlein verbannt. Jetzt kann jeder nach seiner Facon selig werden, und das Reich Gottes wird zum Reich des Gewissens und der geistlichen Hoffnung, die der realen Welt und ihren Erfordernissen unverbunden gegenübersteht. Nichts wurde so kennzeichnend für die neue reformatorische Religion wie ihre „Zwei-Reiche-Lehre“; das ‘Reich der Welt’ konnte letztendlich, wenn es nur wollte, unbehelligt bleiben von allen göttlichen und religiösen Dimensionen. Wie sehr wir Heutigen Kinder dieser Gedankenwelt der Aufklärung sind, zeigt die Debatte um einen möglichen Gottesbezug in der Präambel der bislang gescheiterten europäischen Verfassung.
Religion in der westlich-aufgeklärten Welt behält mehrere wichtige Grundfunktionen. Sie hat gewissermaßen eine Wächteraufgabe im Blick auf die unantastbaren Grundrechte der Menschlichkeit; hier Mahner und Warner zu sein, bleibt ihre soziale Funktion. Weiterhin repräsentiert auch in unserer gegenwärtigen Kultur Religion das Kultisch-Heilige, das zunehmend wieder in öffentlichen, medial vermittelten Bitt- und Dankgottesdiensten zelebriert wird. Hier kommt noch einmal in neuer Form die Religion als Verkörperung der Sittlichkeit und des Normativen zum Ausdruck. Außerdem bleibt die kultisch-sakramentale Begleitung des einzelnen an den Krisenpunkten seines Lebens: Geburt, Heirat, Tod. Zugenommen hat das Gewicht der spirituellen Funktion, weil sich hier das Individuum seelisch ausleben und im Blick auf die Rätselhaftigkeit und Unverfügbarkeit des individuellen Lebens rückversichern kann. Religion spendet Trost und versöhnt mit dem persönlichen Schicksal. Religion warnt und schützt vor dem Hochmut des einzelnen. Religion sichert im privaten Raum die Wege zum „rechten“ Leben und zum „seligem“ Sterben.
In den Vordergrund der aufgeklärten Religiosität treten Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, aber auch Demut und Bescheidenheit; Religion soll dem einzelnen Menschen Hoffnung und Trost vermitteln. Im Blick auf die Gesellschaft wird der religiöse Mensch zur beispielgebenden Mitmenschlichkeit und selbstlosen Nächstenliebe angehalten. Dies hat eine in ihren Wirkungen kaum hinreichend abzuschätzende Welle kirchlich-diakonischer bzw. karitativer Anstrengungen und Werke ausgelöst. Die kirchliche ‘Liebestätigkeit’ ist bei uns zu einer eigenständigen diakonischen Dienstleistungs-Industrie geworden. Liegt dafür die Initiative im angelsächsischen Raum nach wie vor beim Einzelmenschen bzw. bei den staatsunabhängigen Kirchengemeinden, so hat der sozial-diakonische Impuls hierzulande den Aufbau eines Sozialstaats- und Fürsorgemodells zur Folge gehabt, die man zu Recht als säkularisierte Form der ursprünglich christlichen Liebestätigkeit und Nächstenliebe bezeichnen kann. Die gegenwärtige Überdehnung des Sozialstaats wird aber auch bei uns zu einer weitgehenden Privatisierung und damit zu verstärkten Angeboten gemeindlicher oder vereinsmäßig organisierter sozialer Dienstleistungen führen. Gruppen und Kirchengemeinden fühlen sich für das Gemeinwohl verantwortlich. Religion wird zur institutionalisierten Form des öffentlichen Gewissens. Dies bedeutet in der medialen Welt der Gegenwart wahrlich kein geringes Gewicht. Bürgerschaftlichkeit, Bürgerinitiativen und Bürgerrechte, international in NGO's organisiert, sind für viele Menschen zum Betätigungsfeld mit quasi-religiöser Funktion geworden - und umgekehrt: Bisweilen erscheint die reformatorische Religion selber – sie wird hier als besonders konsequent neuzeitlich genannt - wie eine einzige große „Bürgerinitiative“ für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. Dabei ist dann aber die spirituelle Tiefendimension der Religion fast völlig verloren gegangen.
III
Fundamentalismus hat es in Religionen und Weltanschauungen zu allen Zeiten gegeben. Unter Fundamentalismus verstehen wir eine Glaubens- und Denkrichtung, die sich kompromisslos am Grundsätzlichen orientiert und die eigene Position absolut setzt. Im heutigen Verständnis können wir den Fundamentalismus als eine Protesthaltung begreifen, die sich gegen die moderne Welt richtet. Der Fundamentalismus im Westen richtet sich gegen Säkularismus und Liberalismus; der islamische Fundamentalismus richtet sich gegen Neokolonialismus und westliche Dominanz. Gemeinsam ist beiden Ausprägungen, dass auf der Überordnung der Religion über die säkulare Welt bestanden wird und der Wahrheitsanspruch der eigenen religiösen Glaubensinhalte und Moralvorstellungen als allgemeingültig durchgesetzt werden soll. Beiden fundamentalistischen Spielarten ist auch gemeinsam, dass der neuzeitliche Individualismus begrenzt wird, indem die Gemeinschaft Vorrang vor dem einzelnen bekommt. Vor allem aber protestiert der Fundamentalismus gegen die neuzeitliche Unterscheidung von Religion und Welt, von 'Geich Gottes' und 'Reich der Welt': Religiöse Vorstellungen und Forderungen sollen unmittelbar im weltlichen Bereich gelten, ja die religiöse Vorstellungswelt wird zur selbstverständlichen Grundlage des alltäglichen Lebens (Scharia). Von dort ist es dann nur ein kurzer Weg zur Herrschaft des geistlichen Bereichs über den weltlichen Bereich der Politik („Mullahherrschaft“), verliert die säkulare Welt in fundamentalistischer Sicht doch ihre Eigenständigkeit. Pluralismus in Sachen Religion und Weltanschauung wird abgelehnt, wogegen der eigene Wahrheitsanspruch unbedingt durchgesetzt werden soll. Von hier aus ist es wiederum zu einer voraufklärerischen Intoleranz und zur Verfolgung Andersdenkender nur ein kleiner Schritt.
Der islamische Fundamentalismus wird heute durchweg als Islamismus bezeichnet. In ihm äußerst sich ein massiver Protest gegen einen als übermächtig und dominant empfundenen „Westen“, der insbesondere die arabischen Länder in ihrer ursprünglichen Kultur überfremdet und missachtet habe. Gegen die westlich-europäische Zivilisation werden die tradierten Werte der eigenen Gesellschaften gesetzt, wobei diese Werte in der Gegenwart durchaus eine Umprägung und Weiterentwicklung erfahren können (Beispiel: Verhüllungsgebote für Frauen). Oftmals sind dies Wertvorstellungen aus vorwiegend agrarischen Gesellschaften (Anatolien, Afghanistan) mit traditionellen Familienverbänden und in Clans organisierten Machtstrukturen (Beduinen). Die als ursprünglich und eigenständig behaupteten Werte und Normen verbinden sich dabei unauflöslich mit bestimmten (kämpferischen) islamischen Traditionen, so dass dieser östliche Fundamentalismus fast ausschließlich in der Gestalt des Islamismus auftritt. Der aber richtet sich gegen die westlich-europäisch-amerikanische Zivilisation und ihre militärische, ökonomische und kulturelle Dominanz (Medien!). Dabei kann er sich durchaus modernster Technik wie Handys und Satellitentechnik bedienen, soweit sie der Durchsetzung der eigenen Ziele und Interessen nutzt. Hier passt durchaus der Begriff eines „Kampfes der Kulturen“ (Samuel Huntington), denn diese Auseinandersetzung des Islamismus mit dem Westen wird als Kampf, als Krieg, ja als heiliger Krieg (Dschihad) begriffen. Es nützt nichts, den Begriff „Kampf der Kulturen“ als politisch inkorrekt, weil gesellschaftlich unerwünscht, zu vermeiden: Er entspricht der Wahrnehmung auf islamistischer Seite und beschreibt aus westlicher Sicht die ideologischen Hintergründe des Kampfes gegen den aktuellen islamistischen Terrorismus.
Islamischer Fundamentalismus benutzt also in diesem Falle Religion und religiöse Werte, um ganz andere Ziele kultureller oder sozialer Selbstbehauptung zu verfolgen und sich eines aus ganz anderen Ursachen her speisenden Minderwertigkeitskomplexes zu erwehren. Psychologisch könnte man diesen Fundamentalismus als eine Art „Verschiebung“ verstehen, um von den eigentlichen Ursachen erlebter Defizite zum Beispiel der Bildung und der sozialen Emanzipation abzulenken und einen externen Urheber = Schuldigen zu finden. Mit den eigentlichen Intentionen und Funktionen der Religion hat dieser Fundamentalismus recht wenig zu tun.
Fundamentalismus aber gibt es nicht nur im Islam oder bei fanatischen Hindus, Fundamentalismus ist auch durchaus in der christlichen Religion zu Hause. Besonders in den Vereinigten Staaten, einem Land, das für unser Verständnis Inbegriff gesellschaftlicher Moderne und Kultur sowie Triebkraft des technologischen Fortschritts ist, macht zunehmend ein christlicher Fundamentalismus von sich reden, der für unsere europäischen Ohren doch bisweilen recht seltsam klingt. Nun hat eine konservative Christlichkeit in den USA durchaus Tradition, sind doch unter den amerikanischen Einwanderern des 18. und 19. Jahrhunderts zahlreiche radikale christliche Gruppen gewesen, die sich in Europa nicht geduldet sahen und die darum die große (Religions-) Freiheit in der neuen Welt suchten. Die Quäker und die Amish-People sind dafür gegenwärtig vielleicht die bekanntesten Gruppierungen, aber auch viele evangelikale, baptistische und pfingstlerische Gemeinden gehören zu diesen radikal-christlichen religiösen Gruppierungen. Man kann sie vielfach zu Recht als fundamentalistisch einstufen, sofern sie sich gegen die Kultur der Moderne, gegen Individualismus, Liberalismus und „Aufklärung“ wenden. Auch in diesen Gruppen gilt die Gemeinschaft mehr als der Einzelne, auch hier wird den religiösen Vorstellungen und Gesetzen der eigenen Tradition (oder was man dafür hält) ganz klar der Vorzug und der Vorrang vor weltlichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen gegeben. Dass die eigene Position absolut gesetzt wird, zeigt der unnachgiebige, teilweise gewalttätige Kampf gegen Ärzte und Hilfsorganisationen, die sich an der staatlich legitimierten Abtreibung beteiligen. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahre 2004 war die Berücksichtigung der „Abtreibungsgegner“ ein wichtiger politischer Faktor, der mit als wahlentscheidend angesehen wird.
Aktuell zeigt sich die Frontlinie der christlichen Fundamentalisten in den USA im Streit um die Lehre vom „intelligent design“. Diese Glaubenslehre beharrt auf der wörtlichen Gültigkeit des Schöpfungsberichtes der Bibel und gibt sich als wissenschaftliche Alternative zum „Darwinismus“ aus, der als bloße Behauptung fehlerhaft und unzulänglich sei; die Evolutionslehre sei darum aus den Schulen zu verbannen oder zumindest durch eine gleichgewichtige Berücksichtigung der Lehre vom intelligent design zu relativieren. Die wahre Naturwissenschaft erfordere geradezu die Annahme eines göttlichen Schöpfers; dies wird nicht mehr als Glaubenssatz, sondern als wissenschaftlich begründete Erkenntnis vorgetragen. Ebenso werden dann Minderheiten wie Schwule und Lesben als widernatürlich angegriffen und abgelehnt. Das freie und selbstverantwortliche Subjekt der Aufklärung verschwindet hinter der Buchstabengläubigkeit religiöser Intoleranz, welche die Weltbilder und Moralvorstellung der Bibel absolut setzt und zur Richtschnur gesellschaftlichen Handelns macht. Auch geht es hierbei tendenziell um einen Angriff auf die aufgeklärte Trennung von Staat und Religion, sofern die massive Forderung nach Einführung der Lehre vom intelligent design ein Kampf um die Schulen und damit um die Kinder ist. Es ist klar, dass in einer so verstandenen christlichen Religiosität der Kampf um die allgemeine Anerkenntnis biblischer Werte schnell zum Bollwerk gegen fremde, zum Beispiel islamische, Kulturen wird und die eigene Position zum Leuchtturm des christlichen Abendlandes stilisiert wird. Erstaunlich ist, welche Wirkung dieser Streit in der Öffentlichkeit der USA erregt; erstaunlich auch, dass der Wiener Kardinal König im vorigen Jahr eben dieses kreationistische Dogma den europäischen Christen als wissenschaftliche Alternative anempfahl. „Vorwissenschaftliche Glaubenslehre“ nennen es aber die Naturwissenschaftler und weisen uns zu Recht darauf hin, dass Evolution keine Theorie, sondern gesicherte Erkenntnis und alltägliches, gegenwärtiges Geschehen ist.
Auch hier kann man eine Art Verschiebung feststellen: Gegen den Individualismus der Moderne und gegen den Relativismus der Globalisierung werden die 'guten alten Werte' mobilisiert; gegen die Atomisierung und den fortschreitenden Individualismus werden Gemeinschaftsformen bevorzugt, die persönliche Wärme geben und gegen eine unverständlich und komplex gewordene Welt schützen sollen. Die ursprünglichen Intentionen der Religion kommen auch in dieser christlichen Spielart des Fundamentalismus nur noch ansatzweise oder zumindest sehr einseitig zur Geltung. Die Erkenntnisse der Aufklärung werden in beiden herrschenden Spielarten des Fundamentalismus ignoriert, übergangen oder wieder rückgängig gemacht. Insofern erweist sich der Fundamentalismus eine vormoderne partikularistische Ideologie.
IV
Religion aber prägt den Menschen umfassend und differenziert. Sie berührt Tiefenschichten des Menschseins. Religion gehört zum Menschsein wesentlich hinzu. Der Mensch bliebe nicht menschlich, wenn er nicht Anteil am religiösen Leben hätte.
Religion berührt die Beziehung von Endlichkeit und Unendlichkeit; sie formt und bildet das aus, was in der Bibel einmal so ausgedrückt wird: „Er [Gott] hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3,11) Darum bleibt Religion doch selber menschlich, sind ihre Äußerungen Werke des Menschen. Wo sich Religion selber absolut setzt, verfehlt sie die Vorläufigkeit und Begrenztheit alles Endlichen. Das Göttliche mag Gegenstand der Religion sein, aber die Religion selber ist niemals göttlich, sondern menschlich, Menschenwerk.
Religion hilft zum Leben. Sie möchte dem Menschen bei seinen vielfältigen verschlungenen und rätselhaften Wegen durch seine Welt und sein Leben hindurch Orientierung und Hilfe geben. Religion stiftet da Sinn, wo dem Menschen in der Bruchstückhaftigkeit seines Lebens jeglicher 'Sinn' abgeht. Religion heilt.
Denn Religion symbolisiert das Ganze. Religion macht das Ganze jenseits aller Teile und Stücke zu ihrem Thema. Was wir Menschen wahrnehmen und erkennen, ist immer nur begrenzt, Stückwerk, ausschnitthaft: Raum, Zeit; ich, der andere; gestern, heute, morgen. Von allein fügt sich da gar nichts zusammen. Religiöse Formen vermitteln den heilsamen Wert und den guten Sinn des Ganzen; das Ganze aber ist immer mehr als die Summe seiner Teile. So sehr die Religion das Ganze in den Blick nimmt, so sehr bleibt doch auch ihr das Ganze unverfügbar und letztlich unzugänglich, sofern nicht das Ganze seine Ganzheit selber zeigt. Denn das Ganze ist nie vollendet, solange es noch Teile gibt. Das Ganze von Mensch, Welt, Leben ist erst vollendet am Ende aller Dinge, wir würden sagen: in der Ewigkeit. Erst vom Ende her wird das Ganze heil und ganz.
Darum verweist Religion auf die Grenze zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit, zwischen Heiligen und Unheiligem, zwischen dem Ganzem und den Teilen. Das eine darf nicht mit dem anderen verwechselt werden, sonst wird Religion totalitär, 'fundamentalistisch'. Religion verweist mich auf meine Grenzen, zeigt den Sinn und das Ziel dieses endlichen Lebens mit seiner bestimmten Zeit, in seinem umgrenzten Raum, mit all dem unvollkommenen Wissen und Können, mit den großartigen, aber endlichen Fähigkeiten des Verstandes. Denn Religion weist mich auf das Jenseits all dieser Grenzen hin. Erst dieses Jenseits macht meine Grenzen sichtbar. Indem der Mensch in den religiösen Anschauungen, Gedanken, Riten, Normen mit dieser Grenze konfrontiert wird, macht er eine neue spirituelle Erfahrung: Die Erkenntnis der Grenzen befreit und entlastet; sie macht mich frei für mein Diesseits, für meine Begrenztheit und Unvollkommenheit. Diese spirituelle Erfahrung der Religion macht den Menschen wirklich menschlich, macht ihn offen und vertrauensvoll im Blick auf das Ganze des Lebens und der Welt. Darum geben alle Religionen Hoffnung: weil sie für das heilsame Ganze stehen.
Dem dienen alle Religionen. Dazu ist Religion da.
Minden 2006
©
Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)
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