Was ist der Mensch?

Eine philosophische Betrachtung



Was ist der Mensch? - Ein Lebewesen. - „Die Krone der Schöpfung.“ - Körper und Seele. - Gut.

Was ist der Mensch? - Ein Tier, ein Säuger. - Ein Gott, sein Ebenbild. - Wer lacht?

„Homo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Der römische Dichter Plautus im 2. Jahrhundert v. Chr. - Der Mensch sei „Imago Dei – Ebenbild Gottes.“ Die Schöpfungsgeschichte Genesis 1, 27 und die gesamte kirchliche Tradition. - Was also ist der Mensch?

Die Spannweite der Aussagen über den Menschen ist kaum zu überbieten. Blaise Pascal beschreibt »la grandeur et misere de l'homme, Größe und Elend des Menschen« so: »Denn was schließlich ist der Mensch in der Natur? Ein Nichts gegenüber dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich entfernt vom Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ziel aller Dinge und ihr Ursprung unüberwindbar verborgen, in einem undurchdringlichen Geheimnis: gleich unfähig, das Nichts zu fassen, aus dem er gehoben, wie das Unendliche, in das hinein er verschlungen ist. - Was kann er also tun, außer einen Schimmer von der Mitte der Dinge wahrnehmen,in ewiger Verzweiflung darüber, dass er weder ihren Ursprung noch ihr Ziel erkennt? Alle Dinge entstammen dem Nichts und reichen ins Unendliche. Wer kann diesen erstaunlichen Schritten folgen? Der Urheber dieser Wunder begreift sie. Kein anderer vermag es.« (Blaise Pascal, Pensées) Pascal könnte den Prediger Salomonis im Ohr gehabt haben, wenn dieser formuliert: „Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Pred. 3, 10f.) Die Ewigkeit im Herzen, und doch unfähig, diese Ewigkeit zu erkennen, denn „nur was Gott tut, das besteht für ewig“ (Pred. 3, 14), so ist der Mensch.

Was ist der Mensch, was kann er, wie ist er qualifiziert? „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“ Johann Wolfgang von Goethe, Das Göttliche. -

„Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ Der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer (Kap. 13, 18;19;24)

Was also ist der Mensch?

In dieser Frage nach dem Menschen sind die Grundfragen des Nachdenkens über den Menschen, also der Philosophie, zusammengefasst. Immanuel Kant hat diese Grundfragen so formuliert: Was kann ich wissen? Es ist die Frage nach des Menschen Herkunft. - Was darf ich hoffen? Es ist die Frage nach des Menschen Zukunft. - Was soll ich tun? Es ist die Frage nach des Menschen Gegenwart. - Was ist der Mensch? Das ist die Summe dieser Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Wozu. - Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich? Wozu bin ich da?

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Werfen wir einen Blick auf die Herkunft des Menschen aus der Naturgeschichte. Es ist weitestgehend des Menschen Evolutionsgeschichte. Die Zahlen und Stichworte dazu sind hier wichtig, um die Relation, die Größenordnung, zu verdeutlichen, in der hier gedacht wird.

Vor 65 Millionen Jahren: Nach dem Aussterben der Saurier verbreiten sich die Säugetiere.

Vor 1 Million Jahren: In Afrika bildet sich nach dem „australopithecus“ der „homo erectus“ heraus.

Vor 200.000 Jahren: Der Neandertaler verbreitet sich nahezu über die ganze Welt für mehr als 120.000 Jahre.

Vor 100.000 Jahren: Der homo sapiens wird in Ostafrika gefunden und macht sich bald schon mehrfach auf den Weg, Afrika zu verlassen und die Welt zu besiedeln. Seit 40.000 Jahren etwa sprechen wir vom homo sapiens als dem „Jetzt-Menschen“.

Um 12.000 v. Chr. entstehen die ersten Hochkulturen am Nil und im Zweistromland.

Um 8.000 v. Chr. vollzieht sich nachhaltig der Übergang vom Jagen zum Ackerbau.

Um 4.000 v. Chr. werden die ersten Schriften erfunden.

Zwischen 600 v. Chr. und 600 n. Chr. entstehen die Weltreligionen in Europa und Asien („Achsenzeit“, Karl Jaspers) durch ihre Gründer bzw. ihre Gründungsmythen: das Judentum, Krishna, Siddhartha Gautama (Buddha), Konfutse, Laotse Christus, Mohammed. Sie bringen neue Antworten ans Licht auf die Frage: Was ist der Mensch?

Noch heute ist die Frage so offen wie zu aller vorhergehenden Zeit. Wir haben inzwischen gelernt, den Menschen ganzheitlich als Lebewesen aus Leib, Seele und Geist zu beschreiben. Dennoch ist der Streit um das Wesen der geistigen Seite des Menschen im Unterschied zu seiner körperlich-physiologischen Beschaffenheit wieder ganz aktuell. Die Hirnforschung (Wolf Singer u.a.) bestreitet den freien Willen des Menschen: Ehe der Mensch bewusst will, hat das Gehirn schon geschaltet. So bestätigen es bestimmte Versuchanordnungen. Aber ist diese Position wirklich so neu? Schon Erasmus und Luther stritten über den „freien Willen“. Offenbar ist es hinsichtlich des Menschen nicht viel anders als in der modernen Physik überhaupt: Die Fragestellung bestimmt schon die möglichen Antworten. So bekomme ich je nachdem, wie ich frage, immer nur eine bestimmte Seite des Menschen zu Gesicht. Was also ist der Mensch?

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Wenden wir uns der geistesgeschichtlichen Entwicklung zu. Immer wieder hat sich der Mensch als abhängig von undurchschaubaren Mächten erlebt. Götter und Dämonen, Geister und Ahnen, Naturereignisse und die Sterne des Himmels bestimmten sein Geschick. Um nicht nur Spielball eines unerklärlichen Schicksals zu bleiben, versuchte der Mensch, das Schicksal zu beeinflussen und die Wege des Geschicks vorauszusehen durch Riten und Kulte, Opfer und Mirakel. Die ihn umgebende Welt erschien als so bedrohlich und gefährlich, dass ihre Güte überhaupt in Frage geriet. Der griechische Philosoph Platon war es, der im vierten vorchristlichen Jahrhundert in seinem berühmten Höhlengleichnis eine Umkehrung in der Wahrnehmung der Wirklichkeit vornahm: Nicht die vorfindliche, sichtbare Welt ist die wahre Wirklichkeit, sondern das ewige Reich der Ideen und des Geistes (Nous) liegt aller Weltwirklichkeit voraus und ist ihr jenseitig. Allerdings sehen und erkennen wir diese Wahrheiten nur wie Schatten, die das Licht einer höheren Welt an die Wand der „Höhle“ unserer dunklen Welt zeichnet. Das Streben des Menschen nach Wahrheit bedeutet dann, sich mit der Kraft seines Geistes aus dem Dunkel zu befreien und mehr von dem Licht der ewigen Welt zu gewinnen. Sokrates' Tod wurde zum Urbild des geläuterten Weisen, der die dunkle Welt der Schatten verlässt, um durch den Tod in das Reich der ewigen Ideen einzugehen.

In den Jahrhunderten nach Platon hat dieser Gedanke die Menschen nicht mehr verlassen. Im persisch- mediterranen Kulturraum entwickelte sich eine starke dualistische Religiosität in vielerlei Ausprägungen und Strömungen, die wir heute zusammenfassend „Gnosis“ nennen. Sie versuchte den Menschen, der mit seinem Körper der bösen Welt von Dunkel und Gewalt verhaftet ist, einen Erkenntnisweg zur Befreiung seiner unsterblichen Seele zu zeigen, um das wahre Licht der ewigen Welt von Güte und Herrlichkeit zu erreichen. Im Leib des Menschen ist der Lichtfunken der Ewigkeit eingekerkert, der Weg der geheimen Erkenntnis (griechisch „gnosis“) führt den Menschen heraus aus der bösen, aber unwesentlichen Körperlichkeit in die Welt himmlischen, ewigen Lebens im Reich des göttlichen Geistes. Auch der Weg der Erleuchtung hin zum Buddha lässt noch diese Gedankenwelt erkennen. Es ist ein grundsätzlich dualistisches Weltbild, das die Frage nach dem, was der Mensch ist, nun beantwortet. Diese Gedanken haben auch die christliche Theologie erheblich beeinflusst. Besonders in der Theologie und Gedankenwelt des Johannes-Evangeliums mit seinen Gegensatzbildern von Licht und Finsternis ist dieser Einfluss spürbar. Aber auch die volkstümliche Vorstellung, dass im Tod die Seele den Leib verlässt und ins Jenseits „fliegt“ (offenes Fenster!), zeugt heute noch von dem weitreichenden Einfluss dualistischer Vorstellungen.

Eine Wende von „kopernikanischer“ Tragweite trat im europäischen Kulturkreis mit der Neuzeit im 17. Jahrhundert ein; sie ist mit dem Namen René Descartes unlösbar verbunden. Es ist die cartesianische Wende in der Geistesgeschichte der abendländischen Welt. Das scholastische und das dualistische Weltbild wurden abgelöst durch eine völlig neue Selbstbestimmung des Menschen. Descartes' berühmter Satz „cogito ergo sum – ich denke also bin ich“ konzentriert dieses neue Denken in einem Punkt. Im Mittelpunkt steht jetzt das ICH des Menschen, und dieses seiner selbst bewusste Ich ist die Grundlage und Voraussetzung aller Realität. Die Wirklichkeit des Menschen entspringt seinem Ich, seinem Selbstbewusstsein. So unterscheidet Descartes grundlegend zwischen res cogitans und res extensa, zwischen dem denkenden Selbst und allen außerhalb des Ich liegenden Dingen, d.h. Allem, was sich in Raum und Zeit 'ausdehnt'. Man könnte von der Entdeckung des Subjektes sprechen, das die Welt der Objekte aus sich heraus setzt oder auch außerhalb seiner selbst vorfindet und sie sich gegenüberstellt. Nicht mehr Materie und Geist, Dunkel und Licht sind die bestimmenden Gegensätze, sondern das absolute Ich, das „seiner“ Welt gegenüber tritt. Schon Leibniz fragte ja sehr grundsätzlich: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Descartes antwortet: Indem ich mich selbst denkend erkenne, ist erst etwas, nämlich alles das, was meinem Ich als Objekt gegenüber tritt. Es ist etwas, weil ich denke: Cogito ergo sum ergo est mundus. Indem ich mich denke, gibt es mich und die Welt um mich herum. Die eigene Vernunft wird nun zum alles bestimmenden Werkzeug der Welterklärung und der Welteroberung; sie ist das entscheidende Organ aller Welterkenntnis des Menschen. Zwar ist sie begrenzt, aber innerhalb dieser Grenzen allgemein gültig und zuverlässig.

Immanuel Kant, der Philosoph der Neuzeit schlechthin, bestimmte schließlich die Grenzen möglicher Erkenntnis des Menschen durch die Anschauungsformen von Raum und Zeit: Diese sind die Bedingungen von Erkenntnis überhaupt. Für alles, was jenseits von Raum und Zeit liegen könnte, hat der Mensch kein 'Organ', keine Anschauung und darum keine Erkenntnismöglichkeit. Aber innerhalb dieser vernünftigen Grenzen, die die Welt des Menschen bestimmen, ist dem Menschen mit der Kraft des Verstandes und der Vernunft ein Weg eröffnet, der zu einer völlig neuen Aneignung der Welt führt. Der „homo faber“ ist geboren, der Mensch, der sich mit seiner Vernunft die Welt unterwirft und sie nach seinem Bilde gestaltet. Erst die Gedankenwelt der Aufklärung – denn über sie haben wir gerade gesprochen – macht die wissenschaftlich-technische Revolution möglich, die für die westliche Moderne prägend wurde. Der aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit erwachte Mensch tritt an, seine Welt als ganze in den Griff zu bekommen. Er ist damit bisher ziemlich erfolgreich gewesen.

Heute allerdings ist das Vertrauen in den Fortschritt und der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft nicht mehr unumstritten. Der Mensch mag zwar jetzt genauer wissen, woher er kommt, was sein Ende ist und was er wissen kann, aber er hat noch nicht bewiesen, dass er besser handeln und besser leben kann. Das Ethos hinkt der Technik hinterher. Und die Frage nach dem Wohin und nach dem Wozu ist überhaupt noch nicht beantwortet – und so auch gar nicht zu beantworten. Es sind die bleibenden Fragen nach dem Sinn und nach dem Ganzen, das Raum und Zeit übersteigt, die offen bleiben und den Menschen weiterhin bewegen. Dazu kommt, dass die Wissenschaft selber an unerwartete Grenzen gestoßen ist. Je mehr die moderne Physik die Welt des Allerkleinsten jenseits der Elemente, der Moleküle und Atome untersucht und sich in immer kleinere Strukturen vortastet, umso ungenauer und unschärfer wird das, was sie da zu Gesicht bekommt. Das dort Entdeckte, Quantenfluktuationen und Strings, ist nicht nur gänzlich unanschaulich, sondern Strukturen und Kräfte der Materie lassen sich auf dieser Ebene des Allerkleinsten auch mathematisch nicht mehr eindeutig beschreiben. Der Mikrokosmos wird durch „Unschärferelationen“ (Heisenberg) bestimmt, die sich einer eindeutigen Festlegung entziehen. Sozusagen am anderen Ende der Wirklichkeit finden Astrophysiker beim Studium der Weiten des Kosmos mittels modernster Teleskope und Messanlagen immer erstaunlichere Dinge wie „schwarze Löcher“, „dunkle Materie“ und am Anfang all dessen, was erkennbar ist, womöglich den berühmten „Urknall, big-bang“. Diese Bezeichnungen umschreiben mehr als sie erklären. Bei den „schwarzen Löchern“ sprechen die Physiker mathematisch von „Singularitäten“ (Hawking), also im Grunde von Ausnahmen, auf die unsere normalen Naturgesetze nicht mehr zuzutreffen scheinen. Also auch der Makrokosmos, die Welt der ganz großen und weit entfernten Dinge, scheint sich unserer Erkenntnis in einer merkwürdigen Weise zu entziehen, zumindest einer eindeutigen Definition zu verweigern. Albert Einsteins berühmte Relativitätstheorie, die abgesehen von diesem Schlagwort der eigentlichen Sache nach noch kaum in das Gegenwartsbewusstsein Eingang gefunden hat, kann dafür als Merkpunkt und Symbol gelten; seitdem sprechen wir von der vierdimensionalen Raumzeit-Struktur unserer Welt. Die Möglichkeiten und Grenzen dieser theoretisch begründeten und praktisch bereits vielfach bewährten Relativität und Unschärfe sind uns heute noch kaum bekannt. Einstein selber hat sich manche dieser Konsequenzen nicht eingestehen wollen; die Herrschaft des Zufalls in der Quantentheorie wollte ihm nicht in den Sinn: „Gott würfelt nicht.“ Wirklich nicht? Und warum nicht? Vielleicht steht nur unser Weltbild wieder einmal auf dem Spiel hinsichtlich der Bedeutung des Zufalls. Wiederum steht eine Revision an. Der Mensch kann sich also seiner selbst und seiner Welt gar nicht so sicher sein, wie man es im Überschwang der Neuzeit zunächst glaubte. Vielleicht reichen für diese Erkenntnis aber auch die leidvollen Erfahrungen mit „modernen“ Menschen wie Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot.

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Was ist der Mensch? Was sagen denn wir Christen, was der Mensch sei? Was sagt unser Glaube dazu?

Der christliche Glaube bekennt, dass der Mensch Geschöpf Gottes ist. Der Mensch darf Gottes Kind sein und in und durch Christus Erbe der Verheißung: bestimmt zu einer außerhalb seiner selbst liegenden und nicht vom Menschen selbst herbeizuführenden, sondern ihn ganz und gar als Geschenk überwältigenden Vollendung jenseits von Zeit und Raum. Der Mensch ist Erbe des Himmelreiches, heißt es darum im christlichen Glauben. Der Mensch als Bruder dieses Jesus von Nazareth findet seine Bestimmung in der Gottebenbildlichkeit des Christus. In ihm hat Gott seine ganze Fülle ausgegossen. Er ist das Urbild, dessen Abbild wir sein dürfen, der wahre Mensch. Dieses Bild des in Christus befreiten und durch Christus neu definierten („wiedergeborenen“) Menschen aber ist ganz auf Gott ausgerichtet, ganz und gar auf den allumfassenden Geist Gottes hin orientiert, der Anfang und Ende des Menschen und Ziel aller Dinge ist. (1. Kor 15, 28: „Wenn aber alles Gott untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.“) Gott ist das Woher, Gott ist das Wohin, Gott ist das Wozu und Gott ist der Sinn. All dies, was wir als Menschen sind und bestenfalls sein können, finden wir im Bilde Christi wieder, darum werden wir zu Recht nach ihm genannt. Der Mensch als ein solches versöhntes und befreites Geschöpf Gottes findet seine Bestimmung in dem, was Gott für ihn bereit hält: Frieden und Seligkeit. Darum ist der Satz des Kirchenvaters Augustin aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. eine grundlegende Glaubensaussage über das Wesen des Menschen: „Cor nostrum inquietum est donec requiescat in Te. - Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Dir.“

Solch eine Aussage ist eine Sache vernünftigen Vertrauens: vernünftig, weil es unserer Vernunft hilft, das zu leisten, was sie kann; Vertrauen, weil aller Erkenntnis des Menschen dies Urvertrauen vorausliegt, dass wir nicht aus uns selbst heraus leben und weben und sind, sondern dass wir selbst und alle Wirklichkeit um uns herum umschlossen sind von dem großen Geist der Güte, für den wir das Wort Gott und für dessen Erkennbarkeit wir den Namen Christus haben. Sich auf dieses Vertrauen einzulassen, ist nicht erzwingbar, aber auch nicht widerlegbar. Wir können uns nur dazu bekennen, eben unseren Glauben zu bekennen, dass wir uns empfangen aus der Güte Gottes und ihm damit die Ehre geben, die Gott zukommt und die uns getrost leben lässt. Die erste Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis Kapitel 1 hat ein solches Glaubensbekenntnis in großartiger Weise dargelegt. Sie erklärt nicht die Welt, sie setzt sich nicht an die Stelle von Vernunft und Wissenschaft, aber sie bekennt, was die Qualität dieser Welt ist und welchen Sinn darin der Mensch hat. Denn über dem ganzen Werk der fortwährenden Schöpfung steht eben dieses Bekenntnis: „Gott sprach – und es geschah – und siehe, es war sehr gut.“ Nur darum kann der Mensch auch Ebenbild Gottes genannt werden: durch Gottes heilsames Wort kann er dazu werden. Der Glaube also ist so etwas wie der zentrale Punkt, der die Erkenntnis von Mensch und Welt auf eine Weise ins Verhältnis bringt, dass die Welt vernünftig und der Mensch frei wird.

In seinen Betrachtungen über Glaube und Naturwissenschaft (Der Anfang aller Dinge, 2007) fasst Hans Küng zusammen: „Wer an Gott glaubt, hat keine automatische Antwort, mit der er alle großen Fragen des Menschenlebens und der Menschheitsgeschichte »aushebeln« kann. Doch besitzt er seinen »archimedischen Punkt«: einen festen Standpunkt, von dem aus er die großen (und manchmal auch kleinen) Fragen angehen kann.

Ja, wenn Gott existiert, dann können zahllose existentielle Fragen zumindest im Prinzip beantwortet werden - wenn wir etwa an die noch umfassenderen Fragen Kants anknüpfen:

Was können wir wissen? Nicht nur: Warum ist nicht nichts, woher das Universum und wofür? Sondern auch: Woher kommt der Mensch, und wohin geht er? Warum ist die Welt, wie sie ist? Was ist letzter Grund und Sinn aller Wirklichkeit?

Was sollen wir tun? Warum tun wir, was wir tun, und warum und wem sind wir letztlich verantwortlich? Was verdient unbedingt Verachtung, was Liebe ? Was ist der Sinn von Treue und Freundschaft, aber auch von Leid und Schuld? Was ist für den Menschen entscheidendes Maß?

Was dürfen wir hoffen? Wozu sind wir auf Erden? Was soll das Ganze? Gibt es etwas, was uns in aller Nichtigkeit trägt, was uns nie verzweifeln lässt? Ein Beständiges in allem Wandel, ein Unbedingtes in allem Bedingten? Ein Absolutes trotz der überall erfahrenen Relativität? Was bleibt uns: der Tod, der am Ende alles sinnlos macht? Was soll uns Mut zum Leben und was Mut zum Sterben geben?

Meine Antwort also lautet: Wenn Gott existiert, dann gibt es eine grundsätzliche Antwort auf solche Fragen, dann lässt sich von der Tiefe her verstehen, warum wir sehr endliche Mangelwesen sind und doch Wesen von unendlicher Erwartung, Hoffnung und Sehnsucht. Dann lässt sich von Grund auf eine Antwort finden, woher letztlich die kosmischen Grundkonstanten, woher Materie und Energie, woher also Kosmos und Mensch sind.“

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Was also ist der Mensch? Das, wozu er eingeladen ist: seines Gottes geliebtes Geschöpf zu sein im Garten der Schöpfung. Nur mit den poetischen Worten des Glaubens lässt sich die ganze Wirklichkeit des Menschen beschreiben.

>>> siehe auch das eBook "Weltgeschichte"

© 2008 Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)

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