Abschied von der evangelischen Theologie
des 20. Jahrhunderts

 

  1. Die evangelische Theologie des 20. Jahrhunderts war in ihrer kirchlichen Ausprägung durchweg eine „rechte“ oder „linke“ politische Theologie; darin war sie markant unterschieden von der katholischen Theologie.
  2. Die protestantische Ethik verlor demgegenüber ihre Eigenständigkeit und passte sich gleichzeitig grün-linker Ideologie einerseits und der katholischen Moraltheologie andererseits an.
  3. Es ist an der Zeit, die evangelische Theologie des 20. Jahrhunderts  zu verabschieden und in reformatorischer Freiheit eine protestantische Vision für das 21. Jahrhundert zu entwerfen.

 

 

1.

 

Es ist erstaunlich, wie sich im Rückblick die Bilder gleichen: War in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine deutsch-nationale Theologie im Raum der evangelischen Kirche vorherrschend bis hin zu den „Deutschen Christen“ im Nationalsozialismus, so zeigte sich die Theologie der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts als glattes Spiegelbild zur Vorkriegstheologie und entwickelte ein kirchenprägendes links-politisches Profil. Das Modell „Kirche im Sozialismus“ auf dem Boden der DDR zeigt dieses noch, selbst wenn ein solches Modell aufgrund leidvoller Erfahrungen ungleich staats- und gesellschaftskritischer war als der links-demokratische Hurra-Sozialismus westdeutscher Kirchlichkeit. Die „Ökopaxe“ sind zum Inbegriff  einer theologisch-kirchlichen Entwicklung geworden, die inzwischen nicht nur in der deutschsprachigen Theologie, sondern sogar in der Ökumene zu einem Stillstand geführt hat: Nie wurde die Sackgasse deutlicher als heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wenn man an die Sprachlosigkeit der evangelischen Kirchen angesichts der Umwälzungen dieser Zeit denkt. Die Auseinandersetzungen in den siebziger Jahren um den „Evangelischen Kirchentag“ contra den „Gemeindetag unter dem Wort“ wurden letztlich nicht konsequent zu Ende geführt, sondern sind vielmehr in der angstvollen Erstarrung angesichts des Zusammenbruchs der Volkskirche einfach untergegangen. „Linke“ und „Rechte“ in den kirchlichen Organen wetteifern allenfalls noch um den Abbau von Personal und Strukturen. Darüber hinaus erfreut man sich auch evangelischerseits insgeheim an der Wahl eines deutschen Kardinals zum Papst in Rom; so fällt wenigstens etwas Glanz auf die deutsche Kirchlichkeit. Was aber hat zu einer solchen Sprachlosigkeit in der evangelischen Theologie und Kirche geführt?

 

Über die Zusammenhänge zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Herrschaft auf der einen Seite und ihren theologischen und kirchlichen Entsprechungen und Reflexionen auf der anderen Seite ist vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts viel geforscht und geschrieben worden. Auch die „dialektische Theologie“ der zwanziger Jahre ist in ihrem Widerspruch noch Reflex auf den deutsch-nationalen Mainstream damaliger Theologie und Kirche. Der Widerstand der „Bekennenden Kirche“ war immer auch eine sehr politische Haltung; besonders die „Barmer Theologische Erklärung“ 1934 ist in ihrer Absage an alle ns-totalitäre Ideologie zugleich der Gegenentwurf einer dezidiert politischen Theologie der Staats- und Gesellschaftsverantwortung von Theologie und Kirche, allerdings mit mehr links-demokratischem Touch. Fast kann man in ihrer 5. und 6. These einen theokratischen Machtanspruch entdecken, der zum Glück in den stärkeren Zeiten des Protestantismus nur zur staatlichen Macht-Partizipation, in den schwächeren bloß zu „Denkschriften“ geführt hat. Der Verlust der Bedeutung des deutschen Protestantismus wird auch daran erkennbar, dass selbst die zahlreichen Denkschriften am Ende kaum noch gesellschaftlich beachtet geschweige denn „bedacht“ wurden. Immerhin wurden die Barmer Theologische Erklärung und die ihr zugrunde liegenden theologisch-politischen Strömungen zur entscheidenden und dominierenden Grundlage von evangelischer Theologie und Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Konzept einer politischen Theologie der sog. „Königsherrschaft Jesu Christi“ wurde zum Credo des neuzeitlichen deutschen Protestantismus erklärt mit weiten Auswirkungen bis in die Ökumene hinein: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ war der neue Schlachtruf, der mit aller Inbrunst eines neo-trinitarischen Dogmas von den Kanzeln sonntäglich verkündet und in vielfältigen kulturellen Ausformungen (zum Beispiel politische Nachtgebete, „Kirchenasyl“) kirchenpolitisch ins Werk gesetzt wurde. Ökumenisch wurde dieser Trend durch die osteuropäische Orthodoxie gestoppt, deren Einspruch gegen die westeuropäische Dominanz politischer Theologie im Weltkirchenrat hierzulande nur Unverständnis und Protest erntete ( siehe den Rückzug von Frau Bischöfin Käßmann aus dem Zentralausschuss 2004).

 

Die Theologie- und Kirchengeschichte der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts harrt der Aufarbeitung. Schon jetzt führt die rückblickende Betrachtung zum Erstaunen darüber, mit welch offenkundiger Leichtigkeit aus dem polit-theologischen Desaster der zwanziger und dreißiger Jahre die Konsequenz einer links-demokratischen Politisierung der evangelischen Kirchen gezogen wurde. Dies ist umso erstaunlicher, als die herrschenden Nachkriegstheologien sich auf dem festen Boden einer Barthschen oder Bultmannschen „Wort-Gottes-Theologie“ gegründet wähnten, die doch - offenbarungstheologisch oder existential - gegen politische Vereinnahmungen und Überfremdungen immunisieren sollte. In selbstgewisser Überheblichkeit grenzte man sich sehr schnell und formelhaft gegen „alt-lutherische“ Theologien ab, die mit ihrer „natürlichen Theologie“ nur der deutsch-nationalen Bevormundung der evangelischen Kirchen Vorschub geleistet hätten und die darum als „neuzeitliche“ Nachkriegstheologien nichts taugten. Kam dann noch ein neuhegelianisches Theoriekonzept mit eventuell linguistisch aufgepeppten Spielwiesen hinzu, dann konnte man sich sicher sein, den neuzeitlichen Herausforderungen der Atomrüstung („Nachrüstung“), Schöpfungsverwahrlosung und weltweiten Verelendung, oder wie sonst man die Symptome der „Neuzeit“ deklarierte, angemessen evangelisch theologisch und kirchlich materiell (solange die Kirchensteuern reichlich flossen) begegnen zu können. Vom Evangelium zu reden hieß, immer zugleich von der Gesellschaft, von der „politischen Dimension“, zu reden, da sich das Wort Gottes ja auf keinen Fall „privatisieren“ lasse. So wurde aus dem begrenzten „Wächteramt“ der Kirche gegenüber Staat und Politik, sofern es um Übergriffe auf den einzelnen Menschen geht, ein politisches Evangelium, das die evangelische Christenheit zu einer „Vorhut des Lebens“ (Gollwitzer), und zwar eines dezidiert diesseitigen, sozialistischen Lebens zu machen gedachte. Die Kirchentage jener Jahrzehnte sind ein ziemlich genauer Spiegel dieser Entwicklung, und es ist schon recht entlarvend, die Wiederentdeckung (!) individueller Spiritualität (siehe die „Themenhalle Spiritualität“ 2005 in Hannover und „Beten gegen Burn-Out“, Presseerklärung des Kirchentages vom 27.5.2005)  als eine besondere Errungenschaft der jüngsten Kirchentage darzustellen. Offenkundig ist inzwischen auch dem Letzten in Kirche und Theologie aufgefallen, dass sich das Evangelium von der freien Gnade Gottes gegenüber dem konkret einzelnen Sünder nicht in eine weltverbessernde politische Heilslehre umdeuten lässt. Das Wiederentdecken und Umlernen ist ein schwieriger Prozess, steht doch das Selbstverständnis mancher tonangebender evangelischer Links-Christen und Kirchenfrauen (inklusiv!) als exemplarische „Gutmenschen“ auf dem Spiel: Lieber hüllt man sich demonstrativ in die regenbogenbunte „Pace“- Fahne ein, um die Schrecken der Globalisierung, dieses modernen Gott-sei-bei-uns, nicht länger mit ansehen zu müssen.

 

Die katholische Kirche in Deutschland hat sich gegenüber diesem protestantischen Trend des vorigen Jahrhunderts nicht völlig resistent gezeigt, blieb aber dank ihrer weltweiten Ausdehnung von regionalen Überspanntheiten ebenso verschont wie von einer zeitbedingten Politisierung, allein schon aufgrund der Traditionsverbundenheit und des stärkeren Traditionalismus ihrer Hierarchie. Die links-katholische Entsprechung zur protestantischen Politisierung, die Bewegung „Kirche von unten“, blieb doch weitgehend eine Episode und als Impuls an den Protest gegen einzelne Maßregelungen (Küng, Drewermann) gebunden. Diese Beschreibung ist nun noch lange kein Loblied auf Traditionalismus und Hierarchie als Lösungsmöglichkeit aller heutigen Probleme in der Kirche, mitnichten. Faktisch hat aber das Beharrungsvermögen des Katholizismus trotz und vielleicht auch wegen des Vaticanums II größere Einseitigkeiten im Hinblick auf eine Politisierung des Evangeliums verhindert. Denselben Effekt kann man ja auch in den Kreisen des konservativeren Teils der evangelischen Kirchen feststellen. Die immerhin vorhandenen, wenngleich auch sehr viel stiller gewordenen Evangelikalen haben ein gewisses Gegengewicht gegen den evangelisch-kirchlichen Mainstream herzustellen versucht, und es ist ihnen ja auch durchaus zeitweise gelungen. Als reine Gegenbewegung verlor sie aber ihre Kraft automatisch mit der Schwäche des Gegners. Ganz anders der Katholizismus: In der wahrhaft monumentalen Gestalt eines Karol Wojtyla als Papst Johannes Paul II. konzentrierte sich die ganze geistliche Kraft und die Wucht der katholischen Tradition. Tatsächlich war die politische Bedeutung dieses Papstes dort am größten, wo sie am heftigsten auf das Ureigene des katholischen Glaubens und Christseins insistierte: Wo Johannes Paul II. auf Auslandsbesuchen in öffentlichen Massen-Messen Seligsprechungen vornahm, bedurfte es keiner weiteren „politischen“ Ansprache. Insofern verkörperte er in seiner Person das Beharrungsvermögen und die Anpassungsfähigkeit des Katholizismus in einem; er wich vom ureigenen Bekenntnis keinen Millimeter und war gerade so ein höchst politisch wirksamer Papst.

 

Während der Nazi-Diktatur erlebte die scheinbare politische Enthaltsamkeit und Indifferenz Roms einen Tiefpunkt, weil man insgeheim zu lange und zu verflochten mit dem NS-System kollaborierte (vgl. Literatur zu Pius XII.). Die Lehren, die die katholische Kirche in Deutschland daraus zog, waren zwiespältig: Einerseits pflegte man offiziell politische Enthaltsamkeit und Neutralität, andererseits konnten die deutschen Bischöfe der Nachkriegszeit vor Wahlen ganz unverhohlen mit „Hirtenworten“ für die „christliche“ Partei werben. Aber auch dieses Verhalten lag mehr in der hierarchischen Machtstruktur der katholischen Kirche angelegt, als dass es eine Reaktion auf den „politisierenden“ Zeitgeist gewesen wäre. Der wiederum fand in den evangelischen Kirchen und ihren dominanten Theologien reichlichen Spielraum. Erst eine unübersehbare und unaufhaltsame Veränderung der kirchlichen Strukturen, begründet im finanziellen und strukturellen Zusammenbruch der „Volkskirche“, mit all ihren Sachthemen und Zwängen gibt Raum zu einer neuen Diskussion: Was ist das Wesentliche am evangelischen Glauben? Wenn die Kurven der Kirchensteuern stetig fallen, was wird die evangelische Kirche als Organisation zusammenhalten? Gewiss, das Wort Gottes. Aber eben dieses gilt es in seiner ganzen reformatorischen Kraft ohne ideologische Brillen wieder zu entdecken: die Verkündigung allein der Gnade, die den einzelnen vor Gott bestehen lässt und ihn wahrhaft frei macht. Solche evangelischen Christen werden auch die Kraft haben, ihre Kirche im 21. Jahrhundert neu zu bauen.

 

 

2.

 

Schaut man vor allem im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts auf die offiziellen Stellungnahmen der Evangelischen Kirche von Deutschland zu aktuellen gesellschaftlichen Themen, so fällt zweierlei auf: Da wo es um Äußerungen zu gesamtgesellschaftlichen Fragen wie Asylpolitik, Einwanderung, Ausländerproblematik, Gentechnik, Energiepolitik („Energiewende“) und Armutsbekämpfung ging, fand man sich ganz schnell Seite an Seite mit Links-Sozialdemokraten und Grünen; bisweilen waren die Formulierungen von Grünen-Parteitagen und EKD-Verlautbarungen in der Sache identisch und fast wortgleich; bei manchen Kirchentags-Proklamationen und -Deklamationen wähnte man sich auf grünen Parteitagen der achtziger Jahre. Erstaunlicherweise hat der antiklerikale Touch der Grünen diesen heimlichen Verbündeten (den offiziellen deutschen Protestantismus) kaum öffentlich zur Kenntnis nehmen wollen. Dennoch wurde die Affinität kirchlicher Stellungnahmen, Meinungsäußerungen und Deklarationen mit grün-linken Themen und Vorstellungen immer offensichtlicher. Der deutsche Protestantismus schickte sich an, zu klerikalen Vorfeldorganisation des „rot-grünen Projektes“ zu werden. Alle anderen möglichen sozialethischen Positionen wurden marginalisiert. Das neuprotestantische Credo „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ erhielt sozialethisch seine einzig verbindliche Auslegung: pazifistisch, sozialistisch, ökologisch - so sollte die evangelische Kirche sein. Die Theologie hat ihr entsprechende Begründungen geliefert und den kirchenpolitischen Zielen die christologische Weihe gegeben: Jesus, der Parteigänger der Armen und Entrechteten, als Mitte einer parteilichen „Predigt von unten“.

 

Wo es hingegen um individualethische Äußerungen und Festlegungen ging wie bei der Frage des menschenwürdigen Sterbens, der Abtreibung, des Embryonenschutzes und schließlich auch beim Thema Ehe und Familie, da waren und sind die Differenzen zu römisch-katholischen Positionen immer weniger wahrnehmbar. Die EKD hat sich hier wiederholt und deutlich den Positionen katholischer Moraltheologie angenähert, ohne die Chancen eigenständiger evangelisch-ethischen Begründungen zu nutzen und öffentlich zur Geltung zu bringen. Die Breite und Differenziertheit der Behandlung aktueller ethischer Fragen ist im Raum der evangelischen Theologie und Ethik ja nun wirklich vorhanden, wie die vielen „Denkschriften“ und Texte der EKD ebenfalls zeigen. Dagegen steht aber die öffentlich vertretene Linie des Rates der EKD: Gemeinsame „Wochen des Lebens“ (seit den neunziger Jahren), das Eintreten für den unbedingten Schutz des ungeborenen Lebens von der Befruchtung an (Gemeinsame Erklärung des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz „Gott ist ein Freund des Lebens“ 1991), die Vorbehalte gegenüber der embryonaler Stammzellenforschung (siehe die eben genannte Gemeinsame Erklärung), die neuerliche Betonung der Leitbildfunktion des traditionellen Ehe- und Familienbildes (Denkschrift „Gottes Gabe und persönliche Verantwortung“ 1998; „Was Familien brauchen“, 2002), - dies alles fügt sich zu einem Gesamtbild, das evangelische Ethik in der öffentlichen Wahrnehmung in die Nähe katholischer Moralvorstellungen bringt. Nun könnte das ja ein erfreuliches Zeichen ökumenischen Zusammenwachsens sein, fiele einem nicht das Fehlen einer eigenständigen evangelisch-theologischen Position zur Schärfung der Gewissen jedes Christenmenschen auf. Wo bleibt da die fröhliche Freiheit eines Christenmenschen, der um der in Christus gewonnen Freiheit willen niemandem untertan, der aber in seiner Verantwortung für den Nächsten an „jedermann“ und zu aller erst an sein eigenes Gewissen gebunden ist? Und seit wann entscheidet durch öffentliche Stellungnahmen „der“ Ratsvorsitzende der EKD, was dem einzelnen Christen von seinem Wissen her zu beurteilen und von seinem Gewissen her zu verantworten ist? Statt dessen wird hier ein struktureller Gleichklang vorgegaukelt („der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD“), den es vom reformatorischen Verständnis des Evangeliums, von der der Struktur der evangelischen Landeskirchen und vom Grundverständnis protestantischer Ethik her niemals geben kann. Vielleicht rächt sich dabei auch, dass die deutschen Lutheraner in den neunziger Jahren fast bis zur Selbstaufgabe eine Übereinstimmung mit der römisch-katholischen Kirche in Sachen Rechtfertigungslehre herbeiführen wollten und am Ende dann trotz aller Anbiederung scheiterten: Zu einer Ratifizierung der „Gemeinsamen Erklärung“ von 1998 ist es bekanntlich auf beiden Seiten nie gekommen. Statt dessen wurde in einer „Gemeinsamen offiziellen Feststellung“ 1999 nur der „Konsens in allgemeinen Grundwahrheiten“ festgestellt.

 

Der kirchlich-theologischen „Links-Führung“ in den evangelischen Kirchen korrespondiert ein illusionärer Ökumenismus sowohl im engeren (evangelisch - katholisch) wie im weiteren Sinne. Die Politisierung des Ökumenischen Rates der Kirchen, der stete Hang der europäischen Kirchenführer und Theologen nach links hat die ökumenische Bewegung zuerst beinahe gespalten (Antirassismusprogramm) und schließlich weitgehend gelähmt. Jedenfalls sind von dort her heute und hierzulande entmutigend wenig Impulse zu spüren. Dasselbe lässt sich für die evangelischen Kirchenleitungen und ihre Theologie in Deutschland an der Wende zum 21. Jahrhundert sagen. Bewegungsarm, auf sich selbst bezogen, ohne Impuls- und Identifikationskraft, so stellt sich der deutsche Protestantismus heute dar. Da mag dann tatsächlich nur noch Papst Benedikt XVI. helfen, an dem sich erstaunlicherweise  zunehmend auch evangelische Christen zu orientieren scheinen. Manche, so hört man dann und wann, konvertieren dann lieber gleich ganz. Das tut weh, wenn man an die inneren Reichtümer der deutschen evangelischen Kirchen und Christen denkt, an den Reichtum der Theologie in ihren unterschiedlichen Richtungen und Ausprägungen, an die Vielfalt des gottesdienstlichen Lebens und an das Engagement der vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden, die das Leben in den Gemeinden faktisch prägen. Die sozialistisch-grüne Verführung hat ihr Ansehen in unserem Lande schon längst verspielt; sie sollte endlich auch im deutschen Protestantismus an ihr Ende gekommen sein. Die evangelischen Christen in Deutschland haben es besser verdient.

 

 

3.

 

Es ist darum an der Zeit, die Theologie und Kirchenpolitik des 20. Jahrhunderts endlich zu verabschieden. Zum einen hat die links-orientierte Dominanz des „social gospel“ hierzulande an Strahlkraft deutlich verloren: die Wirklichkeit der Globalisierung und der korporatistischen Verkrustungen Deutschlands, die zu einem Beinahe-Zusammenbruch der öffentlichen Finanzen führen, hat auch die letzten Idealisten des früheren Multi-Kulti-Mainstreams auf den Boden der Realität zurückgeholt. Es geht auch innerkirchlich um den Erhalt von Arbeitsplätzen, und nicht nur um die der vielen Sozialpädagogen, die in den letzten Jahrzehnten in Kirche und Diakonie anstelle des Ehrenamtes eingesetzt wurden. Der Kampf ums ‘liebe Geld’ scheint derzeit in den Kirchen alles zu beherrschen. Der vormalige Ruf nach „Prioritätendiskussionen“ hat sich in das kurzfristige Bemühen um den Erhalt des Notwendigsten verkehrt: gekürzt wird, wo es (arbeitsrechtlich und sonst vertraglich) geht. Dabei gehen dann leicht auch die letzten Ideale aus der schönen rot-grünen Christen-Traumwelt zu Bruch. Statt aber nur auf das weniger werdende Kirchensteuergeld zu starren und von Strukturveränderungen zu reden, wäre es zugleich nötig, kirchlich und theologisch selbstkritische Rückschau zu halten und eine visionäre Vorausschau zu entwickeln.  

 

Nicht nur zufällige Vorlieben einiger Kirchenführer und Bischöfinnen haben zu diesem ekklesiologisch-theologischen Offenbarungseid geführt, sondern die langanhaltende, sorgsam gepflegte und verabsolutierte Politisierung der Evangelischen Kirchen und ihrer Evangeliumsverkündigung während eines ganzen Jahrhunderts. Hat man sich viele Jahre um Aufklärung über die „rechte“ Verblendung bemüht, so dürfte es nun ebenso einige Zeit und Mühe kosten, den roten Star der „linken“ Politisierung zu stechen, um endlich Theologie und Kirche aus einer verderblichen Polit-Umklammerung zu lösen, deren Ursachen zu erkennen und die Folgen zu bewältigen. Dabei wird sich zeigen, dass die „linke“ Politisierung der Kirche (ähnlich wie ein halbes Jahrhundert vorher die „rechte“ Nationalisierung) an einem ideologischen Idealismus krankt: nämlich das Himmelreich auf Erden herzustellen, wenn nicht direkt (das hat sich denn theologisch doch nach Barth verboten), dann wenigstens als „Gleichnis“ oder „Entsprechung“. „Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfung“ sind ja gewiss theologisch schwergewichtige Begriffe, gefüllt mit Hoffnung und Verheißung. Wenn diese Begriffe aber zu einer  politischen Handlungsanweisung instrumentalisiert werden, verlieren sie sehr schnell ihren Hoffnungs- und Verheißungscharakter, ebnet sich die Differenz zwischen „jetzt“  und „dereinst“, zwischen Menschenwerk und Gotteswerk, ein, werden gute und tröstliche biblische Verheißungen zu Kampfbegriffen einer christlich-ideologischen Avantgarde. Nur die Sünde und den Sünder hat man dabei vergessen - man trägt den „alten Adam“ nämlich stets selber an und in sich - und geht dann in bester Absicht dem „Verführer“ um so leichter auf den Leim. Die  ironische Bezeichnung der ökopazifistischen Christen als „Gutmenschen“ enthält mehr als nur den Vorwurf der Naivität, den auch; es ist vielmehr der Vorwurf des Zuleichtnehmens der Sünde, des „alten Adam“ als handfeste Realität in dieser Welt, zugleich der Ernsthaftigkeit und der bleibenden Bedürftigkeit der Gnade für jeden Menschen. Beide Bereiche, unser menschliches Handeln und Gottes Werk, anders gesagt: die bestehende Welt noch im Banne des Bösen und Gottes künftiges Reich im Zeichen des Sieges Jesu Christi, dürfen nicht leichtfertig vermischt und das Eschatologische nicht menschlicher Strategie zugänglich gemacht werden. Hier wusste Luther mit seiner wohl begründeten (theologisch und seelsorgerlich wohl begründeten!) „Zwei-Reiche-Lehre“ mehr und Besseres. An dieser reformatorischen Gottes- und Welterkenntnis wieder anzuknüpfen, sollte für die Zukunft der evangelischen Christenheit in Deutschland kraftvolle Wegweisung sein. Denn die Reformation lehrt vor allen Dingen Nüchternheit im Umgang mit der Welt im Angesicht Gottes.

 

Und Nüchternheit ist auch für die evangelischen Kirchen das Gebot der Stunde. Zum einen haben wir Christen als Staatsbürger an all den Verwerfungen und Herausforderungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft und unseres Staates Anteil; unter anderem durch Arbeitslosigkeit sinkende Steuereinnahmen und schwindende Mitgliederzahlen erschüttern die Kirchen. Die Herausforderung der „Globalisierung“ und der demografische Wandel gehören auf die Tagesordnung der Kirchenleitungen. Hier eine nüchterne und sachliche Bestandsaufnahme anzumahnen, die die Tatsachen beim Namen nennt und nicht fortwährend beschönigt, dabei Lösungswege einzufordern, die über den nächsten Wahltermin hinausweisen und auch vor den nachfolgenden Generationen Bestand haben, das wäre ein erster notwendiger und wirklich guter Dienst der Kirche an der Gesellschaft. Anders als die römische Weltkirche sind wir Protestanten in Landeskirchen gegliedert und darum viel stärker mit den Gegebenheiten unseres Landes verflochten; das sollte als Vorteil genutzt werden. Evangelische Christen, Kirchenleute und Theologen, sollten als „ehrliche Makler“ der aneinander zerrenden Interessengruppen zu wirklichen „Dienst-leistern“ an der Gesellschaft werden können. Dies setzt allerdings für die kirchlichen Strukturen einen inneren und äußeren Abstand von Staat und Gesellschaft voraus, der heute noch nirgends gegeben ist. Noch redet „Kirche“ mit „Politik“ stets auch im eigenen Interesse, und sei es wegen all der guten diakonischen Einrichtungen und Werke oder wegen der inzwischen zu teuren Kindergärten. Abschied zu nehmen von der „guten Tat“, die Macht und Einfluss sichert, fällt vielen schwer. Aber das Ende dieser Verflechtung kommt bestimmt und ist begrüßenswert. Die evangelische Kirche kann dann ein Stück neue Freiheit gewinnen gerade auch gegenüber Staat und Gesellschaft, die sie aus selbst gewählten Bindungen heraus jetzt nicht hat. Sie kann dann erst wirklich hilfreich und mahnend, tröstend und ermutigend den oft ratlosen und sichtlich überforderten Politikern und Wirtschaftsleuten zur Seite stehen und so den verantwortlichen Menschen in Staat und Gesellschaft glaubwürdig dienen. Was wäre das für eine Perspektive!

 

Und Nüchternheit ist gegenüber der eigenen Situation als evangelische Christen in dieser Gesellschaft des 21. Jahrhunderts angebracht. Die „Volkskirche“ ist definitiv zu Ende. Christen befinden sich auf dem Weg zur wenngleich gewichtigen Minderheit. Das „Christliche“ als selbstverständliches Kulturgut ist nicht mehr einfach vorhanden, es muss neu gewonnen und vermittelt werden. Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft keineswegs „religionsloser“ geworden, es haben sich nur andere Religionen und Überzeugungen ausgebreitet, die in Konkurrenz zum Christsein stehen. Hier ist die Festigkeit und Zuverlässigkeit des eigenen Glaubens und der eigenen Tradition gefragt. Dafür wird Kirche in viel stärkerem Maße sorgen müssen: um Seelsorge des einzelnen, um Tröstung, Heilung, Zuspruch, Hoffnung, Gewissheit. Den einzelnen Christenmenschen gilt es durch die Predigt vom heilsamen und befreienden Wort Gottes, das den Sünder (!) gerecht macht, aufzubauen, ihn oder sie zu erbauen und in die heilvolle Gemeinschaft der Glaubenden und Bekennenden zu führen. An den einzelnen Menschen ist die Kirche zu aller erst gewiesen in all ihrem Reden und Tun. Denn Gott rettet nicht „die Gesellschaft“ oder „den Staat“, er wendet sich an den einzelnen Menschen, sucht das Verlorene, will retten und heilen und neu begeistern. Solche Christenmenschen werden selber ausstrahlen und mit ihrer Zuversicht und Freude andere Menschen anstecken und ebenfalls begeistern können. Da wo alle die Zukunft nur schwarz sehen, da haben Christen Hoffnung; wo andere alles mies machen, da können Christen Freude verbreiten. Eine so sich ganz auf den einzelnen Menschen konzentrierende, um ihn sich sorgende Kirche des Evangeliums wird selber zur visionären Existenz in diesem neuen Jahrhundert werden können. Denn Zukunft gewinnt der Mensch nicht aus sich selbst, Zukunft wird ihm von Gott geschenkt; das ist unser christlicher Glaube. Menschen, die sich einer Zukunft und einer Hoffnung gewiss sind, die von den Wirklichkeiten und Nöten dieser Welt und Zeit nicht beschränkt ist, die werden auch andere zuversichtlich und nüchtern machen können für die konkreten Aufgaben und Herausforderungen, für die Opfer und Einschnitte, die es hier und jetzt zu bewältigen gibt. Denn Christen leben von der Ewigkeit und werben für die Ewigkeit, wie sie in Jesus Christus sichtbare sichtbar und gegenwärtig geworden ist. Um nicht mehr und um nicht weniger geht es, wenn wir von den Aufgaben und von der Gestalt der evangelischen Kirche in Deutschland sprechen, jetzt im 21. Jahrhundert.

 

Minden 2005

© Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)

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