„Globalisierung“, „Digitalisierung“, „Netzwelt“, „Klimaveränderung", "Kernenergie", "Überwachung" kennzeichnen Chancen und Grenzen unserer technischen Zivilisation. Wie gehen wir damit um?
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Proposition:
Die Abfolge technischer Innovationen ist immer dichter geworden. Unsere Lebenswirklichkeit scheint mit der Geschwindigkeit dieser Entwicklungen kaum mithalten zu können. In welcher Weise technologische Neuerungen unsere Lebenswelt, Einstellungen, Verhaltensweisen prägen und verändern, sieht man erst im Rückblick. Die krisenhaften Entwicklungen der Weltwirtschaft haben auch etwas mit den technologischen Umwälzungen zu tun. In diesem Vortrag sollen u.a. einige Aspekte derjenigen sozialen und kulturellen Veränderungen beleuchtet werden, die mit den Stichworten „Globalisierung“, „Digitalisierung“ und „Netzwelt“ bezeichnet werden. Dabei stehen wir erst ganz am Anfang dieser zweiten Welle technologischer Revolution. Es ist zu erwarten, dass die sozialen und kulturellen Folgen im 21. Jahrhundert bei weitem das übertreffen werden, was die Industrialisierung im 19. Jahrhundert ausgelöst hat, - weit mehr, als wir uns heute vorstellen können. Das naturwissenschaftlich-technische Denken ist unser Schicksal, denn nur mit seiner Hilfe können wir die Zukunftsfragen lösen.
Als ab dem frühen 19. Jahrhundert der industrielle Einsatz von Dampfmaschinen die Manufakturen und viele Handwerksbetriebe ablöste, wandelte sich nicht nur grundlegend die Produktionsweise in Bergbau, Landwirtschaft, Eisen- und Textilindustrie, sondern mit der ersten Dampfeisenbahn von Nürnberg nach Fürth 1835 begann auch eine völlige Veränderung des Verkehrswesens, das 50 Jahre später durch die erste Überlandfahrt von Bertha Benz mit einem Automobil von Mannheim nach Pforzheim (1888) eine weitere Revolutionierung erfuhr. Die zivile Luftfahrt setzte in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein (1926 Gründung der Deutschen Lufthansa) und ist damit noch keine 100 Jahre alt. Dennoch hat der Flugverkehr die Welt, auch unsere Sicht auf die Welt, und unser Reiseverhalten grundlegend verändert. Im Jahr 2009 wurden EU-weit 761 Millionen Flugpassagiere befördert; ferne Urlaubsregionen rücken in erreichbare und bezahlbare Nähe. Düsentriebwerke und Raketen folgten ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, die erste Mondlandung eines Menschen am 21. Juli 1969 setzte einen epochalen Markstein; bis 1972 betraten insgesamt 12 Menschen den Mond (Apollo 11 – 17, Apollo 13 Abbruch). - Erst von 1980 an begann der Siegeszug des Personal Computers: nach dem Apple Computer, dem C64 und dem Amiga der inzwischen (seit 1994) nicht mehr bestehenden Firma Commodore stand 1986 mit Intels 80386 – Prozessor und MS-DOS als Betriebssystem der erste wirkliche Heim-Computer zur Verfügung. Seit gerade einmal 25 Jahren eröffnen uns fortschreitende Computermodelle „digitale Welten“. Das Internet („World Wide Web – www“; → Tim Berners-Lee im CERN) und die Technik des Web-Browsing wurde im vorigem Herbst 20 Jahre alt. Heute beherrschen Google (gegr. 1998), Apple (gegr. schon 1976), Facebook (gegr. 2004) und Twitter (gegr. 2006), Smartphones (wie das iPhone und Android-Modelle) und Tablet PC's die Fortentwicklung unserer medialen Zukunft – und die Diskussionen darüber.
Ebenso atemberaubend ist das Tempo der Forschung und der wissenschaftlich-technischen Anwendungen im Bereich der Genetik, der Medizin und der Biotechnologie. Im Jahre 1953 wird die Funktion und Zusammensetzung der DNA erstmalig zutreffend beschrieben, seit James Watson und Francis Crick die Struktur der Doppelhelix zur Beschreibung der DNA entdeckten und ihre fundamentale Funktion zur Informationsweitergabe (Replikation DNA – DNA; Transkription DNA – RNA; Translation RNA – Protein) erkannten (= Zentrale Hypothese der Molekularbiologie). 2001 legte Craig Venter die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor; seit 2003 gilt auch im Human Genom Project (HGP, öffentlich) das Humangenom als komplett beschrieben, wenn auch nicht in seiner Funktionsweise im Einzelnen (d.h. in allen einzelnen Genen) erklärt und verstanden. Die Biotechnologie hat erst in den letzten Jahren an Fahrt gewonnen, indem zum Beispiel genverändertes, hybrides Saatgut (vor allem Mais, Kartoffeln, Soja) in den verbreiteten Einsatz kommt und den Einsatz von Pestiziden verringert. Der Streit darüber, ob es sich hierbei um eine Technik der Veredelung oder der „Verseuchung“ handelt, wird heftig und nicht ohne ideologischen Eifer geführt. Jedenfalls wird die Gentechnik die Produktion von Nahrungsmitteln weltweit grundlegend verändern und weiterentwickeln – und tut es jetzt schon, ob wir in Deutschland mitmachen oder nicht.
Schon fast vergessen, weil allzu selbstverständlich, ist die Erfindung der Antibabypille und ihre Zulassung als Medikament seit 1960. Sie hat den lustvollen Geschlechtsverkehr vom Akt der Zeugung getrennt; weniger die demographischen Folgen („Pillenknick“) als vielmehr die kulturellen Folgen sind unabsehbar. Zum ersten Mal hat ein intelligenter „Säuger“ die Vermehrung und Erhaltung seiner Art in eigene Hände und Willen zu nehmen begonnen; Spiel und Lust der Geschlechter miteinander konnten zum sozialen und kulturellen Selbstzweck werden und das hervorbringen, was man die „sexuelle Revolution“ nennt. In der allerneuesten Entwicklung dieser Jahre ist der Mensch durch In-Vitro-Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik in die Lage versetzt, auch der biologischen Seite der Fortpflanzung die Zufälligkeit immer mehr zu nehmen. Der Bundestag hat heute gesetzliche Regelungen zur PID beschlossen und ihre Zulässigkeit unter bestimmten Auflagen erklärt.
Die Darstellung der Forschungsgeschichte und der Ergebnisse der modernen Chemie und der Physik der letzten 100 Jahre wäre ein eigenes Thema. Relativitätstheorie und Quantenphysik haben unser Weltbild grundstürzend verändert, selbstorganisierende Systeme ('dissipative Systeme', Ilya Prigogine, Nobelpreis für Chemie 1977) machen die Grenzen zwischen anorganischen und organischen Systemen fließend. Internationale Großforschungsanlagen wie der CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, Genf), dort besonders das aktuelle Projekt LHC (Large Hadron Collider), und ITER ( International Thermonuclear Experimental Reactor, Cadarache, Südfrankreich) widmen sich der Aufklärung dessen, „was die Welt im Innersten zusammen hält“ und wie man die „Energie der Sonne auf die Erde“ bringt. 'Urknall' und 'Schwarze Löcher' liefern die Themen für die popularisierende Darstellung komplexer moderner Naturwissenschaft mit ihren Fragen nach dem Kleinsten (Teilchenphysik) und nach dem Größten (Kosmologie). Konkret erfahrbar werden die Resultate neuester naturwissenschaftlicher Forschung und ihrer technologischen Umsetzung zumeist in der Medizin. Das „einfache“ Röntgen (nach Wilhelm Röntgens Entdeckung 1895 in Würzburg, Durchleuchtung mit ionisierender Strahlung) wurde ergänzt durch die Computertomographie, also die rechnergestützte Umwandlung unterschiedlicher Röntgenaufnahmen bzw. -ebenen in ein 3D-Bild von Körperregionen oder Organen. Ein direktes Ergebnis der Quantenmechanik ist die Kernspinmessung und ihre medizinische Anwendung in der Magnetresonanztomographie (MRT, MRI) seit ca. 10 Jahren. Diese Methode hat sich als ein besonders gutes „bildgebendes Verfahren“ bewährt und zu völlig neuen Erkenntnissen vor allem in der Erforschung der Funktionsweise des Gehirns geführt, weil dieses hierbei direkt „bei der Arbeit“ beobachtet werden kann. Überhaupt stellt die Hirnforschung vielleicht den spannendsten und erkenntnistheoretisch am meisten ambivalenten Bereich gegenwärtiger Forschung dar, weil hier ja der Mensch mittels des Organs, das denkt und fühlt und lenkt, die Funktionsweise eben dieses Denkens, Fühlens und Lenkens erkennen und 'begreifen' möchte, - ein Verfahren, das hochgradig selbstreferentiell und damit offen für Interpretationen ist z.B. über die Freiheit und die Schuldfähigkeit des Menschen (Wolf Singer, Gerhard Roth, „Das Manifest“ 06 / 2004).
Die Abfolge technischer Innovationen ist immer dichter geworden. Unsere Lebenswirklichkeit scheint mit der Geschwindigkeit dieser Entwicklungen kaum mithalten zu können. In welcher Weise diese technologischen Neuerungen unsere Lebenswelten, Einstellungen, Verhaltensweisen prägen und verändern, bekommen wir oft erst in einer Rückschau in den Blick. Die kaum überwundenen krisenhaften Entwicklungen der Weltwirtschaft der letzten Jahre haben auch etwas mit den technologischen Umwälzungen zu tun. In unserer Betrachtung sollen unter anderem einige Aspekte derjenigen sozialen und kulturellen Veränderungen beleuchtet werden, die mit den Stichworten „Globalisierung“, „Digitalisierung“ und „Vernetzung“ bezeichnet werden. Dabei stehen wir erst ganz am Anfang dieser zweiten „digitalen“ Welle technologischer Revolutionen. Es ist zu erwarten, dass die sozialen und kulturellen Folgen im 21. Jahrhundert bei weitem das übertreffen werden, was die Industrialisierung im 19. Jahrhundert ausgelöst hat, - weit mehr, als wir uns heute vorstellen können. Dies gilt mit und ohne, also unabhängig von „Fukushima“, also der zum Symbol gewordenen Frage nach Beendigung oder Fortsetzung der Nutzung der Kerntechnologie, denn diese Frage ist im Grunde nur ein technologischer Teilaspekt des globalen Problems einer klimaverträglichen Energiegewinnung.
Die eben skizzierten Umwälzungen treffen nun auf eine Lebenswirklichkeit, die vielfältiger und weltweit gesehen disparater kaum sein könnte. Größte Armut mit einem „Einkommen“ von nur 1 $ pro Tag verbunden mit dem Kampf ums tägliche Überleben kontrastiert mit dem größten Reichtum und Luxus, den die Menschheit je gesehen hat. Die überwältigende Mehrzahl der Menschen auf dieser Erde lebt nach wie vor in Verhältnissen, die hinsichtlich des Wohlstandes, der Bildungsmöglichkeiten und der medizinischen Versorgung meilenweit von den Standards entfernt sind, die wir bei uns für selbstverständlich halten. Völlig unzureichende Kliniken, die kaum über die nötigste Hygiene, Medikamente oder OP-Techniken verfügen, auf der einen Seite und MRT's als Pflichtleistung der Krankenkassen auf der anderen Seite (bei uns) – diese Bandbreite ist unsere Weltwirklichkeit. Dabei haben wir es mit einem 'modernen' Menschen zu tun, der physisch und mental das Erbe der Steinzeit mit sich trägt. Dem entsprechend ist oft auch sein Verhalten und seine 'Moral'. Unser Organismus enthält tief verankert die Strukturen des Jägers und Sammlers, des Hordenmenschen mit Hackordnung und Alphatieren, aber auch mit Angstkomplexen und Fluchtverhalten. Ohne jede rationale Korrektur erscheint die ferne Gefahr stets um vieles geringer als die nahe, direkt bevorstehende Gefährdung. Verkehrssicherheit hier und heute haben für uns eine ganz andere Valenz als eine mögliche Klimaveränderung in einigen Jahrzehnten, d.h. in fernen Generationen. Der Mensch ist auf Bewegung hin angelegt; Laufen (zur Jagd und auf der Flucht) und Kämpfen liegen in seiner physischen Ausstattung begründet. Der Wechsel von Umherziehen und Sesshaftigkeit gehört zu seiner mentalen und sozialen Prägung. Der Mensch ist ein somatisches, psychisches und rationales Wesen, wobei die Ratio bei der Steuerung unseres Verhaltens entsprechend den Erkenntnissen der Hirnforschung bei weitem den geringsten Einfluss ausübt. Allerdings hat sich der Mensch in seiner gerade einmal rund 20.000 Jahre alten Kulturgeschichte als äußerst flexibel und anpassungsfähig erwiesen, und gerade diese „kulturelle Evolution“ (Sprache, Schrift) hat den Homo Sapiens offenbar auch dem viel älteren Neandertaler überlegen sein lassen. Genau diese Fähigkeit zur Flexibilität und Anpassung werden wir auch in den nächsten Jahrzehnten brauchen, nicht alleine um die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen der Armut und des Bevölkerungswachstums (zu rechnen ist mit einer Weltbevölkerung von 9 Mrd. Menschen im Jahr 2050 nach mittlerer Prognose) zu bewältigen, sondern um die technologischen und sozialen Folgen zu verarbeiten, die sich in einer globalisierten Welt umfassender Informationssysteme, weltweiter Kommunikation und Vernetzung und eines stetig wachsenden Energiebedarfs und Ressourcenhungers ergeben.
Einige Probleme und die Konsequenzen dieser Entwicklung lassen sich mit folgenden Themenkomplexen skizzieren:
Der Gegensatz von Arm und Reich ist zunächst einmal nicht moralisch gemeint. Er beschreibt vielmehr die Tatsache, dass 10 – 15 % der Weltbevölkerung 85 – 90% der Ressourcen, also der „Reichtümer“ dieser Erde, verbrauchen. Dass das Nebeneinander von Wohlstandsländern und Habenichtsen auf die Dauer nicht gut gehen kann, leuchtet nicht nur dem bloßen Verstande ein, sondern ist auch eine alltägliche Erfahrung bei der Erforschung der Ursachen vieler, wenn nicht gar aller kriegerischen Konflikte unserer Zeit. Ob es bei militärischen Auseinandersetzungen um den unmittelbaren Einfluss auf Erzminen oder Ölfelder geht (Kongo; Nigeria; Irak) oder um die Sicherung von Handelswegen und Einflusszonen der Großmächte (USA, Russland, China) mit den Stellvertreter-Konflikten in Afghanistan, Iran, Tibet, Georgien, Kongo; ob es um eine „Friedensmission“ auf dem Balkan geht oder um die Befreiung von Geiseln im Jemen oder im Tschad; ob es um die enormen Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahrzehnte (eine halbe Milliarde Menschen auf der Flucht) oder um eine offenere oder restriktivere Einwanderungspolitik geht: immer spielt dabei der Unterschied von Arm und Reich eine entscheidende Rolle. Wer viel hat, will mehr haben oder wenigstens das bewahren, was er hat; wer nichts hat, will endlich etwas haben – das ist die einfache, aber reale Logik der meisten Konflikte. Je größer das Gefälle ist zwischen Arm und Reich und je mehr es weiter wächst, desto größer werden die Konflikte, desto stärker die Kraft, die zum Ausgleich drängt.
Konkretion:
Gerechtigkeit als Fairness (John Rawls) und als Beteiligungschancen (Amartya Sen)
Mit dem ersten Problem von Armut und Reichtum hängt dieser zweite Problemkreis von Wachstum und Nachhaltigkeit eng zusammen. Es ist mittlerweile Allgemeingut des politischen Wissens geworden, dass es kein grenzenloses Wachstum gibt, dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind und die Ausbeutung der Bodenschätze immer größere Anstrengungen und Kosten verursacht (vgl. Tiefseebohrungen!). Das Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit ist also ein Gebot des gesunden Menschenverstandes, wenn man die Zukunftsfähigkeit der Menschenwelt erhalten will. Dass man diese Zukunftsfähigkeit jetzt schon uneingeschränkt will, ist allerdings keineswegs selbstverständlich. Die Debatte um die Begrenzung des Kohlendioxidausstoßes zeigt die Probleme deutlich, wenn Industrieländer von den sog. Entwicklungs- oder Schwellenländern ein Maß an Zurückhaltung bei ihrer industriellen Aufholjagd fordern, das sie selber in ihrer Industriegeschichte nie aufgebracht haben (siehe die unterschiedlichen Positionen EU – USA auf der einen und China / Indien / Brasilien auf der anderen Seite). Hier gilt immer noch die anthropologische und soziale Erkenntnis, dass der möglichen fernen Gefahr eine sehr viel geringere Bedeutung beigemessen wird wie den unmittelbar nächsten Zielen und Interessen bzw. dass einem das Hemd näher ist als der Rock. Nachhaltigkeit ist aber rational betrachtet keine beliebige Option, die man ebenso gut wählen wie verwerfen könnte, sondern eine zwingende Handlungsmaxime, wenn es um den Nutzen aller, also auch um die hoffentlich guten oder zu verbessernden Lebenschancen der gegenwärtigen wie der nachfolgenden Generationen geht.
Konkretionen:
Welternährung; Energieversorgung; Fukushima = Grenzen der Machbarkeit?
Die rasante technologische Entwicklung hat die Fülle der zur Verfügung gestellten Informationen explodieren lassen. Durch Youtube und Twitter erfahren wir in Sekundenschnelle von Ereignissen in den fernsten Winkeln der Welt. Das geht so schnell und ist so viel an Information, dass es kaum mehr gelingt, den Überblick, geschweige denn den Durchblick zu behalten, also Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Wahres von Falschem, 'fakes' von echter Information. Zusätzlich wird deutlich, wie sehr unterschiedlichste Phänomene und Problemlagen miteinander verflochten sind und zusammen hängen. Die Komplexität unserer Lebenswelt steigt ständig, entsprechend wird die Funktionsweise unserer Gesellschaft, Wirtschaft, Politik beständig vielfältiger und verflochtener, also immer komplexer . Dies erzeugt oft ein Gefühl, bisweilen auch die reale Erfahrung von Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen, personifiziert im Protest gegen „die da oben“ (siehe Stuttgart 21). Der Komplexität der Lebensweisen entspricht das Bedürfnis nach Einfachheit und Klarheit, nach simplen Erklärungen von „schwarz“ und „weiß“. Populistische Strömungen und Parteien bedienen genau diese Sehnsucht, auch manch verbreitetes „Stammtischgerede“ und viele Leserbriefe. Auf der Ebene der Werte und Normen macht sich das Bedürfnis nach Einfachheit und klaren Grenzen von Gut und Böse im wachsenden Einfluss des Fundamentalismus bemerkbar, wie er in allen Weltreligionen anzutreffen ist. Dieser Wunsch nach einfach zu erklärenden Verhältnissen und Lösungen für mein Leben und meine eigene Lebenswelt bedeutet eine große Gefahr, die Weichen falsch zu stellen und auf die wirkliche Komplexität der Lebenswelten nicht angemessen zu reagieren, weder im Hinblick auf echte Lösungen noch im Hinblick auf die wünschenswerter Weise zu erreichenden Ziele. Es ist die Anstrengung des Sich-Informierens, des Nachdenkens, des Abwägens, der Diskussion und der Differenzierung allemal nötig, will man unter einer Mehrzahl von Alternativen zu einer der Sache jeweils am besten angemessenen Lösung gelangen. Dies setzt viel Bildung und Partizipation voraus.
Konkretion:
Ängste vor vermeintlichen Gefahren: Beispiel „Handystrahlung“; Sicherheit im Internet
Eng damit zusammen hängt das Spannungsgefälle von Ferne und Nähe. Dies gilt sowohl räumlich als auch zeitlich. Die menschliche Psyche ist so angelegt, dass das Nahe stets Vorrang hat vor dem Fernen: Der einzelne nahe namentlich bekannte Mensch und seine Not oder sein Unglück rühren einen mehr an als das vielleicht tausendfach größere Leiden und Elend in der Ferne. Desgleichen ist das zeitlich nahe Ziel sehr viel bedeutsamer als ein erst viel später erreichbares Ziel. Erst recht gilt dies bei Gefahren: Die nahe Gefahr macht blind für die vielleicht viel größere spätere Gefahr, die sich aber möglicherweise mit der angemessenen Reaktion auf die jetzige Situation verringern oder gar vermeiden ließe. Hier die langfristig und global angemessenen Entscheidungen zu treffen, erfordert umfassende Information, nüchterne Bewertung, Vorurteilslosigkeit und vor allen Dingen auch Klarheit über die notwendigerweise anzustrebenden Ziele. Sowohl im Leben des Einzelnen wie in der von Wahlterminen und Machtkalkülen geprägten Politik und bei den vielen Interessenverbänden fehlt es oft an dieser Nüchternheit, Klarheit und Geradlinigkeit der Entscheidungen und des Verhaltens. Da die Eingriffe des Menschen sowohl in die Natur (Bodenschätze, Wasserregulierung, Großprojekte wie der chinesische Drei-Schluchten-Damm) als auch in die biologische Grundausstattung (Bio-Diversität, Keimbahnen, Gentechnik) und in soziale Determinierung (Verweigerung von Bildung und Gesundheit, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, fehlende Integration) schon jetzt tagtäglich Konsequenzen in der nahen und fernen Zukunft evozieren, von uns aber zum jetzigen Zeitpunkt mittels der globalisierten Verflechtung durchaus beeinflussbar sind, ist nachhaltiges Handeln und die rationale Überwindung des „Tunnelblicks“ auf das Nahe und Nächste überlebenswichtig.
Konkretionen:
Klimawandel; Atommüll-Endlagerung; Plastikmüll
Der Mensch lebt im Spannungsfeld von Freiheit und von Verantwortung. Die Maxime der Aufklärung, dass ethisches Verhalten mein eigenes Wohlergehen an das Wohlergehen aller bindet, gilt auch heute, gilt erst recht bei der Bewältigung der Herausforderungen und Folgen der technologischen Entwicklungen wie der wissenschaftlich-technischen Zivilisation als ganzer. Die Freiheit, unterschiedliche Optionen wählen zu können, wird begrenzt durch die Verantwortung für mein eigenes Leben und das Wohlergehen aller und der nachfolgenden Generationen. Diese scheinbare Begrenzung meiner Freiheit (und Abgrenzung von der Willkür und Beliebigkeit) ist aber recht eigentlich ihre wirkliche Entfaltung und damit Grundlage meiner und aller jetziger wie zukünftiger Chancen. Die verantwortlich gebrauchte Freiheit des Menschen setzt uns ja gerade in die Lage, falsche, d.h. gefährliche Entwicklungen zu erkennen, Lösungen zu entwickeln und Strategien zur Vermeidung und Abwendung schädlicher Konsequenzen ins Werk zu setzen. Die Globalisierung, der technologische Fortschritt, die Fülle informationeller Vernetzung enthalten wie alles Menschengemachte Segen und Fluch in sich. Sie können zu furchtbarem Missbrauch benutzt werden (Atombombe, Gehirnwäsche, biologische Kontroll- und Kampfmittel, kybernetische Kontrolle), sie können aber ebenso auch zum Segen der Menschheit eingesetzt werden (Medizin, Welternährung, nachhaltige Energiegewinnung). Der entscheidende Unterschied dafür ist das Handeln aus Freiheit und aus Verantwortung. Freiheit bedeutet, eben auch anders zu können, wenn man denn anderes will; Verantwortung bedeutet, die Bewahrung und Vermehrung des eigenen Nutzens und der eigenen Güter (auch Leben und Gesundheit sind solche Güter) an das Wohlergehen aller zu knüpfen. Es kann dabei entgegen dem Grundsatz marktwirtschaftlicher Theorie (Adam Smith: Wenn jeder Marktteilnehmer sich an seinem eigenen Nutzen orientiert, wird auch der allgemeine Wohlstand befördert.) nicht davon ausgegangen werden, dass sich solche verantwortete Freiheit von alleine einstellt, - alle Erfahrung im sozialen wie politischen Raum spricht schlicht dagegen. Positionen der Freiheit und der Verantwortung müssen jeweils gewählt, erkämpft und durch Überzeugen behauptet, im bürgerschaftlichen Diskurs bewährt und schließlich im politischen Handeln umgesetzt und vollzogen werden. Von alleine ist weder der Markt „gerecht“ oder fair noch dient die technologische und informationelle Weiterentwicklung automatisch allen zum Nutzen. Dass die Fähigkeiten und Möglichkeiten der menschlichen Intelligenz nicht nur einigen wenigen, sondern möglichst vielen zugute kommen, das ist ein stets neu zu bewährender Akt des Entscheidens und Wollens. Damit möglichst viele Glieder einer Gesellschaft an diesem Akt des Entscheidens und Wollens beteiligt sein können, ist ein Höchstmaß von Aufklärung, Bildung und politisch-kultureller Partizipation erforderlich. Die größtmögliche Bildung ist eben nicht nur nötig, um gut qualifizierte Ingenieure zu bekommen, sondern um die Entwicklungen in unserer wissenschaftlich-technischen Kultur in Freiheit umfassend und partizipatorisch verantworten zu können.
Konkretion:
Aufklärung statt Fundamentalismus
Dieses Begriffspaar ist vielleicht auf den ersten Blick nicht einleuchtend, inwiefern es zur Beschreibung der Herausforderungen durch die technologische und informationelle Revolution dient. In Zeiten starker Veränderung neigen aber Menschen dazu, sich auf Bewährtes zu besinnen und es möglichst lange festzuhalten. Bei Umbrüchen scheint allein ein solches Verhalten Stabilität und Sicherheit zu gewähren, das sich möglichst an einer „natürlichen Ordnung“, an bewährten Rezepten und Regeln und an überkommenen Werten orientiert. „Umwälzende“ Entwicklungen scheinen ein vorhandenes Gleichgewicht zu stören oder gar zu erschüttern: bestimmte Berufsbilder verschwinden („Heizer“), eine Vielzahl handwerklicher Fertigkeiten wird überflüssig oder wertlos (Stellmacher, Sattler, Schriftsetzer), die Ordnung der Tätigkeiten und Berufe verliert ihre sinnvolle und regulative Funktion (z.B. Stände, Zünfte beim Wechsel vom Merkantilismus zur Industrialisierung, Gewerkschaften und Proletariat). Damit scheint das 'natürliche' Gleichgewicht gefährdet oder beseitigt zu sein: direkt Betroffene erleben ihre Welt dann im Ganzen als „aus den Fugen geraten“. Der Einzug der Computertechnik in die industrielle Fertigung hat erneut einen ungeahnten Entwicklungsschub an Innovation in der Produktions- und Distributionsweise („Logistik“) hervorgebracht, damit aber auf der anderen Seite gleichzeitig vorherige personalintensive Herstellungs- und Verteilungsverfahren beseitigt und überholt. Und wieder scheint mit der Entwertung vorhandener Fertigkeiten und Berufe (einfache Schlosser und Schweißer) ein vorhandenes Gleichgewicht gestört. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Arbeitskonflikte begleiten diese Transformationsprozesse regelmäßig mit teils heftigen Kämpfen. Die gewaltige Ausweitung der Möglichkeiten, der Verfahren und der Wirkungsweisen der Informationstechnologien bringt einen neuen kraftvollen Schub an Innovation – und zugleich von Dequalifikation bzw. eine Zunahme der Anforderungen an bisher ausreichende Qualifikationen. Insofern ist der Hang und die Sehnsucht nach stabilen Lebens- und Arbeitsverhältnissen zwar menschlich psychologisch verständlich, wird aber von der rasanten Geschwindigkeit des technologischen Wandels immer neu auf eine harte Probe gestellt. Dazu kommt, dass sich vermittelt durch diesen Wandel in den Produktions- und Dienstleistungsverfahren auch das Zusammenwirken der gesellschaftlichen Kräfte und Strömungen verändert, so dass neue Lebensweisen und Lebensentwürfe möglich oder sogar notwendig werden (Teilzeitarbeit, Projektarbeit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, verstärkte Integration von Frauen, Anwerbung ausländischer Fachkräfte zum Ausgleich des zu erwartenden Fachkräftemangels). Der technologische Wandel ist immer auch begleitet von einem Wandel der soziokulturellen Lebensverhältnisse: je radikaler der eine, desto tiefgreifender der andere. Das Streben nach einem „natürlichen Gleichgewicht“ erweist sich hier als Illusion, das Motto „Leben im Einklang mit der Natur“ als pure Ideologie, als Wunschdenken. Die Alpen sind nicht als unberührter Naturraum beliebt, sondern weil sie ein einzigartiger Hochgebirgs-Kulturraum sind. Ein nüchterner Blick in die Natur lehrt uns vielmehr, dass die Natur selbst kaum statische Gleichgewichte hervorbringt, sondern vielmehr eine Dynamik, die Biologen bzw. Biophysiker bildhaft „Fließgleichgewicht“ (Ludwig von Bertalanffy; Josef Reichholf) nennen: eine Stabilität des offenen Gesamtsystems bei gleichzeitiger oft chaotischer Bewegung und Veränderung des Großteils der Einzelprozesse oder gar Individuen wie z.B. in Strömungen. Ein natürliches Gleichgewicht ist erst durch ein Höchstmaß an Entropie verwirklicht, und dies bedeutete den Kältetod allen Lebens. Dieser Hinweis auf das Naturgeschehen mag verdeutlichen, dass uns weniger die Sehnsucht nach illusionären „natürlichen Gleichgewichten“ Stabilität verleihen kann, sondern dass eine sich ständig verändernde Welt und Umwelt, wie es in den Zeiten technologisch-kultureller Umwälzungen der Fall ist, nur durch ein bewusstes und öffentliches Ansprechen und Herangehen an diese Prozesse menschlich verträglich bewältigt werden kann. Stabilität für den Einzelnen wie für eine Gesellschaft wird nur durch einen offenen Diskurs erreicht und immer wieder neu hergestellt werden müssen, der als demokratische Praxis besonders die Transformationsprozesse für die jeweils Benachteiligten dieser Veränderungen begleitet und hilfreich flankiert (Umschulungen, Umlernen, soziale Unterstützung der dazu nicht Befähigten). Zugleich bedarf es der intensiven gedanklichen Arbeit, um unser Weltbild den heutigen Gegebenheiten in Naturwissenschaft und Technik anzupassen.
Konkretion:
Carl
Friedrich von Weizsäcker, Philosophie der Quantenphysik: der
Ur-Grund des
„Informationsstroms“
Technologischer Wandel und kulturelle Veränderung, wie sie derzeit durch Digitalisierung und Informationstechnologien bewirkt werden, hat wie alle Veränderung Chancen und Risiken: entscheidend ist immer, was wir Menschen daraus machen, wie wir damit umgehen, in welcher Weise wir diese neue Wirklichkeit digitalen Weltzugriffs für uns und unsere Nachkommen nutzbar machen. Nur die Chancen zu sehen, wäre blauäugig; nur auf die Risiken hinzuweisen, wäre borniert. Der gut informierte Umgang, eine positive Herangehensweise und die aktive Mitgestaltung der Veränderungsprozesse sind die beste Voraussetzung dafür, die Summe der Chancen zu vergrößern und die vorhandenen Risiken zu vermindern oder ganz zu vermeiden. Weil der Mensch ein solch anpassungsfähiges Lebewesen ist, das zudem nicht ohne alle Vernunft agieren kann, können auch die Umwälzungen dieser Zeit nicht nur die Lebensmöglichkeiten verbessern, sondern auch vorhandene Probleme lösen helfen. Energie aus der Sonne, Trinkwasser aus dem Meer, Nahrung aus der Wüste – das sind Perspektiven, die uns das neue Wissen und die künftigen Techniken und Fähigkeiten ermöglichen. Noch stecken wir mitten in diesen Veränderungsprozessen, und ein Ende und Ziel ist keineswegs absehbar. Freies und verantwortungsvolles Voranschreiten aber gewinnt die Zukunft. Gut informiert zu sein ist einerseits die Bringschuld der öffentlichen Institutionen und des Staates, andererseits aber ebenso eine Holschuld jedes einzelnen Bürgers. Dies kann nur ein Bildungssystem gewährleisten, das qualitativ auf höchstem Niveau den Ansprüchen der „Wissengesellschaft“ Rechnung trägt. Wir sind bisher allenfalls auf dem Wege dahin! (siehe die PISA – Evaluationen).
Konkretionen:
„Waldsterben“; die deutsche „Angst“; Fukushima: ein Symbol
Technische Umwälzungen, wie wir sie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erlebt haben, werden immer auch von tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen begleitet. Wie immer gibt es bei diesen Veränderungsprozessen Gewinner und Verlierer, wenn man auf die einzelnen Menschen schaut. Insgesamt muss aber von einem Gewinn für die Entwicklung der Menschheit gesprochen werden. Noch nie und nirgendwo sonst war die Gesundheitsvorsorge und -fürsorge so gut wie in den Ländern mit entwickelter technischer Zivilisation. Die Lebenserwartung in den industrialisierten Ländern liegt dementsprechend so hoch wie noch nie zuvor (77,2 Jahre Männer, 82,4 Jahre Frauen, Deutschland 2006 – 2008, Quelle: destatis). Noch nie zuvor waren die Bildungsmöglichkeiten so gut wie heute, noch nie zuvor hat eine Bevölkerung in Europa, speziell in Deutschland, einen derart hohen Lebensstandard erreicht wie die unsere, - trotz und sogar in Griechenland. Auch weltweit sind neben (zu) vielen negativen Begleiterscheinungen die Folgen der Industrialisierung und der Globalisierung einschließlich der technologischen Vernetzung letztlich positiv: Nie zuvor konnten früher sog. „Entwicklungsländer“ aufschließen und zu „Schwellenländern“ werden (besonders die BRIC-Staaten: Brasilien, Russland, Indien, China); Hunger und absolute Armut konnten in den letzten Jahrzehnten erfolgreich zurückgedrängt werden. Gewiss bleibt besonders hier, bei der Bekämpfung der Armut und des Flüchtlingselends in der Welt, noch sehr viel zu tun. Moderne Gesundheitsfürsorge einschl. neuer Medikamente, Bildung und Wohlstand stehen noch längst nicht allen Menschen in vergleichbarer Weise zur Verfügung (vgl. die UN Millenniumsziele). Aber die wissenschaftlich-technologische Zivilisation kennt zumindest die Möglichkeiten und hat die Fähigkeiten, Armut und Ausschluss von Bildung, Ressourcenverbrauch und Energiebedarf so zu behandeln und zu optimieren, dass möglichst viele Menschen in aller Welt wenn auch in unterschiedlicher Weise und auf unterschiedlichem Niveau an dem Nutzen der technischen Zivilisation teilhaben können. Dass dies wirklich geschieht und auch bewerkstelligt wird, dass hängt allein vom politischen Willen der am meisten entwickelten Länder und Gesellschaften ab. In unserer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft bestehen die besten Voraussetzungen, uns für die Verbreitung und Verbreiterung des Nutzens der technischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten einzusetzen und weltweite Verantwortung als Land zu übernehmen und auch von anderen politisch einzufordern. Die Devise „Zurück zur Natur“ (Rousseau) und „Zurück zur Einfachheit“ war weder ehedem während des Zeitalters der Aufklärung noch heute eine wirklich vorwärts weisende Option. Die Welt bleibt komplex und wird eher noch komplizierter; Politik, Wirtschaft, Lebensverhältnisse werden noch vielfältiger und globaler. Die Sirenengesänge populistischer Vereinfacher können uns keine Lösung bringen, im Gegenteil, sie betreiben nur die Sache der Fundamentalisten. Was wir brauchen ist ein besonnener Umgang mit den technischen Möglichkeiten, ohne gleich jede Neuerung zu verteufeln („Gen-Verseuchung“) oder als Allheilmittel („Biotechnik“) hochzujubeln. Ein solch vernünftiger Umgang wird stets Chancen und Risiken abwägen, aber auch auf das Ausprobieren und Austesten setzen, denn manch wichtige Entdeckung wird oft eher „nebenbei“ als bei der direkten Suche nach einer bestimmten Lösung gemacht. Insofern wäre auch in Deutschland aus meiner Sicht eine Fortsetzung wissenschaftlicher Forschung im Bereich der Kerntechnologie wünschenswert, weil sich nur mittels eines gründlichen Wissens und Erprobens Risiken verringern und neue Lösungen finden lassen (z. B. Transmutation). In jedem Falle wünsche ich mir eine Gesellschaft, die offener und positiver eingestellt ist gegenüber den technologischen Möglichkeiten unserer Zeit, als es oftmals hierzulande der Fall ist (siehe die Diskussion über den Einsatz von „Google Street View“ oder „Sicherheit im Internet“). Europa schätzt unsere Innovationskraft und Attraktivität offenbar höher ein als wir selber. Wir Heutigen und unsere Kinder morgen leben in einer technisierten und industrialisierten Welt voller Daten und Verknüpfungen, in völlig neuen Netzwerken – für die kids kein Problem! Wissenschaft und Technik haben uns einen Reichtum beschert wie nie zuvor. Darum können wir auch auf die technologischen Möglichkeiten der Entwicklung der Menschheit nicht verzichten: Der „Sprung heraus“ (opt-out) ist keine Option. Vielmehr stellen uns die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ergebnisse der technologischen Entwicklung auch zugleich die Mittel und Wege bereit, uns verantwortungsvolle und wirkungsvolle Wege in die Zukunft zu weisen. Um sie besser zu nutzen und zum Wohle einer größeren Zahl von Menschen einzusetzen als bisher, ist allerdings, wie die jüngsten Erfahrungen gelehrt haben, eine sehr viel stärkere Regulierung des Finanzsektors erforderlich. Dass dies im Grunde auch eine stärkere Regulierung und politische Kontrolle der Wirtschaft insgesamt erfordern kann, dies kann sich daraus als weitere Notwendigkeit ergeben. Bleibt nur die Frage: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Gerade hier bietet die weltweite Vernetzung der vielfältigsten Gruppen der Zivilgesellschaft über das Internet eine einzigartige Möglichkeit zur Transparenz („wikileaks“) und kritischer Beteiligung („Twitter-Revolution“). So kann dies sowohl als Beispiel der Chancen technologischer Neuerungen gelten als auch als durchaus positiv gemeinter Hinweis darauf, dass die technische Welt zwar eine vielköpfige ambivalente Hydra sein kann, dass ihren kritischen und couragierten Nutzern aber auch immer schärfere Schwerter zur Verfügung stehen, sie kulturell und menschenwürdig einzuhegen. Und wir werden die wissenschaftlich-technische Kultur weiterentwickeln müssen, um den wachsenden Herausforderungen durch die demographische Entwicklung, die Zunahme der Weltbevölkerung und die Herausforderungen im Bereich der Biosphäre einigermaßen bewältigen zu können. Eine wirkliche Wahl bleibt uns da nicht. Technik und Wissenschaft sind gewiss eine hohe kulturelle Errungenschaft mit unglaublichen Möglichkeiten, aber zugleich auch der „Geist aus der Flasche“, den wir nie wieder los werden. So bleiben denn Aufklärung und Streben nach Wissen, also die Wertschätzung und Förderung von Wissenschaft und Vernunft gegen Unvernunft und Aberglauben als unsere ganz besondere Kulturleistung, die Voraussetzung für eine gelingende Bewältigung der Zukunftsfragen einer vom Menschen und für den Menschen gestalteten Welt.
© Dr. Reinhart Gruhn, Kempten 2011
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