Die Passionsgeschichte ist der Kern und das Zentrum des Evangeliums von Jesus Christus. Das gesamte Evangelium nach Markus hat man „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ genannt (Martin Kähler); die anderen drei kanonischen Evangelien enthalten nahezu vollständig den Bestand des Markus. Die Passionsgeschichte der Evangelien baut sich wie folgt auf:
Tötungsabsicht der „Hohenpriester und Schriftgelehrten“ ; Salbung in Bethanien; Verrat des Judas (Mk 14, 1 - 11);
Das Abendmahl (Passahmahl) mit Abschiedsworten Jesu und der Ankündigung der Verleugnung des Petrus (Mk 14, 12 - 31);
Gebet in Gethsemane und Gefangennahme Jesu (Mk 14, 32 - 52);
Jesus vor dem Hohen Rat der Juden und Todesurteil wegen Gotteslästerung (Mk 14, 53 – 65); Verleugnung des Petrus (Mk 14, 66 – 72);
Überstellung an den römischen Statthalter Pilatus (Mk 15, 1 - 5); nur Lukas: Weitergabe Jesu an Herodes und Rückkehr zu Pilatus (Lk 23, 6 – 12);
Verurteilung wegen Hochverrates mit Begnadigung des Barrabas und Verspottung (15, 6 – 20);
Kreuzigung, Tod, Grablegung (Mk 15, 21 – 47)
Von Jesus werden in den Evangelien unterschiedliche Worte am Kreuz überliefert; manche sind den Psalmen entnommen. Es ist eine interpretierende Tendenz der theologischen Aussage erkennbar:
Mk15, 37 „Jesus schrie laut und verschied.“
Mt 27, 46 „Und Jesus schrie laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Lk 23, 46 „Jesus schrie laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“
Joh 19, 30 „Jesus sprach: Es ist vollbracht! Und neigte das Haupt und verschied.“
Für die Anhänger Jesu stellte sein ohnmächtiges Leiden und Sterben ein Problem dar. Wie konnte Jesus, wenn er der Messias, der Christus, gar der Sohn Gottes war, so enden, so jämmerlich sterben? Nach Markus verstanden die Jünger die Verhaftung Jesu zuerst nur als Scheitern und als Bedrohung: „Da verließen ihn alle und flohen.“ (Mk 14, 50) War dieser Tod ein Scheitern seiner Mission oder lag darin ein ganz anderer Sinn? Auf diese Frage antwortet die christliche Verkündigung mit der Interpretation des Todes Jesu als Heilsereignis. Aber gehen wir die unterschiedlichen Antworten durch, wie sie uns überliefert werden.
1. Antwort: Jesu Hinrichtung am Kreuz ist der Beweis, dass er nicht der Messias war. Der Messias kann nicht am „Fluchholz“ (5. Mose 21, 22) sterben. Es ist dies die Antwort des Judentums und der Kritiker Jesu.
2. Antwort: Das Leiden und Sterben Jesu entspricht dem Bild des leidenden Gerechten und erfüllt die Prophezeiungen des stellvertretend leidenden Gottesknechtes: „Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. 2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. 3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.“ (Jes 42, 1 – 3) - „Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. 7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.“ (Jes 50, 4 – 7) - „.. er [Gott] spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ (Jes 49, 6) – Der Tod Jesu wird so verstanden als Urbild desjenigen Menschen, der als Gerechter für Gott und durch Gott leidet stellvertretend für sein Volk und am Ende ins Recht wieder eingesetzt wird: Der zu Unrecht Leidende wird von Gott erhöht zum Segen seines Volkes und sogar zum Heil der ganzen Welt („Licht der Heiden“). Diese Antwort prägt die Passionsgeschichten der drei synoptischen Evangelien im Neuen Testament.
3. Antwort: Leiden und Sterben Jesu Christi geschehen nach Gottes Willen als Sühnopfer für die Sünden der Welt; er starb um unsertwillen, damit unsere Schuld vergeben wird. (vgl. die Abendmahlsworte: Mk 14, 23 „Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“; vgl. die Theologie des Hebräerbriefes). Dies Verständnis des Todes Jesu wird gestalterisch lebendig in den gottesdienstlichen Liturgien, insbesondere in der Ausgestaltung des Herrenmahles zur Messfeier.
4. Antwort: Das Leiden und Sterben Jesu entspricht dem göttlichen Heilsplan, der schon die Geburt Jesu bestimmt. Die Geburt des Erlösers ist das Kommen des Sohnes Gottes aus der himmlischen Herrlichkeit in das Elend dieser Welt, um die Menschen daraus zu befreien und wieder zur himmlischen Seligkeit zu führen. Es ist ein Erlösungsverständnis, wie es aus vielen religiösen Strömungen der hellenistisch-persischen Welt bekannt ist (vgl. die Gnosis). Klassisch formuliert diese Antwort ein Lied, das Paulus im Philipperbrief zitiert: „5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: 6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2, 5 – 7) – Jesus, der Christus Gottes, hat „sich selbst erniedrigt“, damit Gott ihn erhöhen und zum Herrn und Heiland einsetzen konnte, dem alle Welt zu Füßen liegen wird. Dies Verständnis wird im Johannes-Evangelium noch einmal radikalisiert, sofern der leidende und sterbende Christus bei Johannes schon den Sieg der Auferstehung an sich trägt: Sein Tod ist schon die "Erhöhung", sein Sterben die Vollendung des Heilswerkes und Heilsweges: "Es ist vollbracht." Schon am Kreuz wird der siegreiche Pantokrator sichtbar, der Sünde und Tod besiegt hat und zur Herrlichkeit Gottes eingegangen ist. Ihn schauen die Gläubigen in der Feier der gottesdienstlichen Liturgie, wie sie die Ostkirchen prägt.
5. Antwort: Dieser Antwortversuch ist neueren Datums und steht im Zeichen der Erfahrung des Holocaust, der Schoah, der abgrundtiefen Erfahrungen des Bösen und des Todes in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Wie ist der Tod Jesu im Schatten von Auschwitz zu verstehen? Fügt diese Erfahrung dem Verständnis der Passion Jesu eine entscheidend neue Sichtweise hinzu? Weniger der schon sichere Sieg des Lebens Gottes steht dann im Mittelpunkt des Passionsverstehens, sondern die radikale Solidarität Jesu mit den Opfern des Holocaustes der Juden; ihr Sterben steht im Schatten des Kreuzes Jesu; sein Kreuz trägt die Züge der in den KZ's Geopferten an sich. Der vom Tod gezeichnete Mensch, fern von Gott, wird zum Verstehensrahmen des Kreuzes Jesu, dem Gott nur mit einem völligen Neuanfang des Lebens und der Hoffnung antworten kann. Ostern wird hier zum Wunder neuen Lebens und neuen Anfangens schlechthin. Die selbstverständliche Kontinuität zwischen Kreuz und Auferstehung ist hier in spezifischer Weise gebrochen. (vgl. Jürgen Moltmann, Der gekreuzigte Gott. Das Kreuz Christi als Grund und Kritik christlicher Theologie, München 1986)
Dies ist nur eine Auswahl der wirkungsgeschichtlich markantesten Interpretationen der Passion Jesu innerhalb der christlichen Tradition. Es gibt vielfache Variationen und Überschneidungen der Motive, so dass die skizzierten Antwortmodelle nur als Typisierung zu verstehen sind. Für die christliche Theologie ist die Passion immer eine besondere Herausforderung des Verstehens und des Interpretierens gewesen. Neben einer Traditionslinie, die den Tod Jesu mehr als Durchgangsstadium zur österlichen Herrlichkeit sieht, gibt es eine ausdrücklich den Kreuzestod soteriologisch interpretierende Theologie, die vor allem im Protestantismus prägend ist. Luthers Theologie wird oftmals als "theologia crucis", als Kreuzestheologie, gekennzeichnet. Sie versteht sich dabei als in der Tradition der Propheten und des Apostels Paulus stehend. Der Aspekt des stellvertretenden Sühnetodes Jesu Christi tritt dabei in den Vordergrund, zum Teil so alleingültig, dass andere Aspekte als illegitim verdrängt worden sind. Dies gilt besonders für die protestantische Abendmahlsfrömmigkeit bis weit in das vorige Jahrhundert hinein. Aber ebenso wie durch die Ökumene und die Basisbewegung der Kirchentage ein neues, positiveres Verständnis der Abendmahlsfeiern gefunden wurde, sind auch heutige Theologien nicht mehr ausschließlich als Kreuzestheologien gestaltet. Das Erbe der christlichen Verkündigung und der christlichen Theologie ist so reich, dass unter unterschiedlichen geschichtlichen Umständen jeweils auch ganz andere Aspekte des christlichen Glaubens an Bedeutung gewinnen können und auch müssen. Dennoch bleibt das Verständnis des Leidens und Sterbens des Messias Jesus eine Herausforderung, die immer wieder neu beantwortet werden muss. Insofern bleibt es schon gültig, dass das theologische Bemühen um ein angemessenes Verständnis der Passion Jesu zur Mitte der echten Verkündigung des Evangeliums und der rechten Verwaltung der Sakramente gehört (Confessio Augustana VII).
Minden 2008
© Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)
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