Kirche mit Zukunft

Das Spannungsverhältnis zwischen missionarischem Grundauftrag und wertschätzender Mitgliederorientierung

 

 

1.           Kirche ist communio sanctorum, die „Gemeinschaft der Heiligen“. Kein Glied der Kirche ist aus sich selbst heraus heilig, sondern ist „geheiligt“ durch und in Jesus Christus. Das Besondere des Christseins ist kein „Werk“, keinerlei eigene Leistung, sondern „zugerechnet“, „zugesprochen“ und im Glauben angeeignet. Christenmenschen sind geheiligt, sofern sie gerechtfertigt sind: sola gratia, sola fide, solus Christus. Diese reformatorische Grunderkenntnis trägt auch „Kirche mit Zukunft“, ist Grundlage und Ausgangspunkt der Hauptvorlage (S. 12).

 

2.           Die Hauptvorlage mahnt mehr „Mitgliederorientierung“ an und widmet diesem Anliegen einen eigenen Abschnitt (Kapitel 3, S. 30 – 35). Das Wort „Mitgliederorientierung“ ist missverständlich, als wäre Kirche ein Verein, in dem sich der „Vorstand“ mehr um seine „Mitglieder“ zu kümmern hätte. Christsein differenziert sich aber nicht nach „Vorständen“ und „Mitgliedern“. Kirche ist die Ganzheit der Glieder, deren Haupt Jesus Christus ist (Epheser 4). Kirche als Rechtsform, als menschlich-organisatorische Größe, ist nur ein Aspekt von Kirche als communio sanctorum. Der „Leib Christi“ ist offenbar immer größer und weiter, als es jede „Kirchenorganisation“ sein könnte.

 

3.           Gemeint ist mit „Mitgliederorientierung“ aber vor allem dies: der „Nachholbedarf in der Wahrnehmung und Wertschätzung aller ihrer Mitglieder“ (S. 30). Kritisch können dabei Aussagen gesehen werden wie: „Mitgliederorientierung bedeutet, alle christlich geprägten Einstellungen und Denkmuster, die dem eigenen Alltag Sinn geben, wahrzunehmen und zu respektieren.“ Und: „Mitgliederorientierung bedeutet auch, alle Mitglieder der Kirche als Christinnen und Christen wahrzunehmen.“ Wird dabei nicht der missionarische Grundansatz vernachlässigt, dass zum Glauben das ausdrückliche Bekenntnis hinzugehört und eben nicht jedes Kirchenmitglied schon gleich „Christ“ ist?

 

4.           Gewiß ist nicht jeder getaufte und in der Kirchenkartei aufgeführte Mensch in diesem Sinne „Christ“: gerechtfertigt, geheiligt, erlöst, Versöhnung lebend, glaubend, liebend, hoffend. Er „ist“ es deswegen nicht, weil wir alle es nicht „sind“ – wir sind allenfalls auf dem Wege dahin -, und weil niemand von uns eine Aussage darüber machen geschweige denn ein Urteil darüber fällen kann, wer denn „Christ“ ist und wer nicht: Dies ist allein Gottes Sache. Und wir „sind“ es nicht, weil wir es nur „werden“: weil wir gerechtfertigt, geheiligt, erlöst „werden“, weil uns dies von Gott ohne allen eigenen Verdienst zugerechnet, zugesprochen wird. Christi Werk der Versöhnung ist so ganz und gar Gottes eigenes Werk, daß ich sogar (mit Luther zu sprechen) „meinen Glauben nur glauben“ kann.

 

5.           Übrigens ist auch nicht jeder Christ sofort und stets in der Kirche(-norganistion) zu finden; der Geist weht, wo er will, und der Gott, der dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken kann, kann sehr wohl Menschen in seine communio sanctorum erwählt haben, die nach unseren Begriffen weit außerhalb der Kirchen zu finden sind. Aber auch hier gilt: Wir können darüber im Einzelfall keine Aussage machen und kein Urteil fällen in dem Sinne „Diese gehört dazu – jener nicht“. Auch dies ist allein Gottes Sache, Gottes ureigenes Werk. Gewiß ist nur, daß Gottes Werk und Gottes Weg der Versöhnung und Erlösung seiner Welt viel weiter ist als unser menschliches Herz (Römer 11; 1. Johannes 3,20).

 

6.           Kann ich also einem Menschen von mir aus sein Christsein (Gerechtfertigtsein, Geheiligtsein usw.) weder zusprechen noch absprechen, und dies weder durch die Tatsache, daß er Kirchenmitglied ist noch daß er es nicht ist, begründen, so kann und darf und soll ich doch jeden Menschen, insbesondere jeden getauften Menschen, daraufhin ansprechen, daß Jesus Christus auch für ihn gelitten hat und gestorben ist, auch für ihn auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzt und ihn vertritt, dass auch ihm die Rechtfertigung Gottes gilt frei und umsonst! Jedem Getauften, d.h. jedem, dem dies wirksame Zeichen schon gegeben ist, den ich daraufhin ansprechen kann, daß Gott zu allererst sein großes JA! zu ihm gesagt hat und nun auf unser kleines, antwortendes ja! wartet: auf unsere tastenden Schritte erwachenden und wachsenden Glaubens.

 

7.           Wohlverstanden bedeutet Mitgliederorientierung darum, daß ich sehr aufmerksam und sehr empfindsam auf die Zeichen der selbstwachsenden Saat achte: dass ich wahrnehme und lerne, wie Menschen, denen die Liebe und Versöhnung Gottes in Jesus Christus zugesagt ist, ihre Antwort geben, ihr kleines ja! wagen und sagen in ihren jeweils eigenen und eigentümlichen „Einstellungen und Denkmustern“, daß ich tatsächlich bei allen „Mitgliedern der Kirche“ ihre Form der Antwort auf Gottes JA wahrzunehmen und zu entdecken suche. So kann ich überraschend Menschen finden, die das Rechte, „Christliche“ tun, ohne es selbst so recht zu wissen. Den Aufbruch zur gemeinsamen Entdeckung dieses in unseren Kirchengemeinden und all ihren Menschen liegenden Schatzes verstehe ich als den „Nachholbedarf“ in der Mitgliederorientierung; dies wäre auch „Wachsen gegen den Trend“!

 

8.           Wenn ich denn in der Verkündigung des Evangeliums Menschen vor allen Dingen daraufhin anspreche, was sie in Christus schon längst sind, wogegen sie sich nur zu ihrem eigenen Schaden verschließen, was sie als ihre eigene Chance für sich neu entdecken und leben können, wo bleibt denn das Missionarische, die Sendung zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, das eigene bewußte Ja, die Umkehr der Buße und Hinkehr zum Guten und Wahren in Christus? Unser „missionarischer Ansatz“ ist doch immer erst der zweite Schritt, der der missio Dei, der Berufung und Sendung Gottes, folgt: „folgt“ im Sinne von „zweiter Schritt“, weil Gott den ersten Schritt immer schon getan hat, und „folgt“ im Sinne von „nachfolgt“, wo Christus schon längst hingegangen ist, in die größte denkbare Gottverlassenheit und Gottesferne! Darum ist Mission das Nachgehen zum (scheinbar) fernsten Menschen, weil er Christus schon längst der Nächste ist, und die gemeinsame Entdeckung der Größe und Weite Christi.

 

9.           Das Spannungsverhältnis zwischen „missionarischem Grundauftrag“ und „wertschätzender Mitgliederorientierung“ ist darum nur ein scheinbarer Widerspruch: Es ist dieselbe Spannung, die Paulus 2. Korinther 5 beschreibt: „Gott versöhnte in Christus die Welt... darum laßt euch versöhnen mit Gott!“ Die „wertschätzende Mitgliederorientierung“ sucht in jedem Kirchenmitglied die je eigene Wirklichkeit der in Christus wahr und wirksam gewordenen Versöhnung zu entdecken, den Menschen auf sein ‚wahres Selbst’ in Christus hin anzusprechen, ihn also ‚besser’ zu verstehen, als er sich selber versteht, und also eben so die gute Botschaft von der rettenden Liebe Gottes aller Welt und allem Volk diesem Menschen konkret auszurichten. Der „missionarische Grundauftrag“ erinnert an den doch notwendigen, sich aus dem ersten Schritt Gottes unbedingt nahelegenden zweiten Schritt: der Umkehr und nun auch bewußteren und selbst gewollten Hinwendung zu Gott, zu Schritten in der Nachfolge Jesu. Dies mit gleicher Ernsthaftigkeit dem Menschen anzusagen, ihm bei seinen Schritten eines Lebens aus der Dankbarkeit zu begleiten, macht die missionarische Dimension der Freiheit des Evangeliums aus.

 

10.           Im Grunde ist dies bisher Gesagte auch kein Geschehen allein in der Kirche und nur orientiert auf ihre Mitglieder, sondern die Verkündigungssituation überhaupt: Der Mensch steht Gott nicht als Christ oder Nichtchrist gegenüber, sondern als Gerechtfertigter und Sünder, egal ob getauft oder nicht. Ich kann, darf und soll jeden Menschen als in Christus gerechtfertigt und geheiligt ansehen, auch den Gleichgültigen, den Agnostiker, auch den Muslim usw. In der Regel wird mir seine jeweilige  „Antwort“ auf Gottes versöhnendes Werk fremd und unverständlich sein, weil sie sich mit meinen Erfahrungen der Wirkungen und Antworten Gottes nicht deckt. Vielleicht ist es auch wirklich so, daß ihm die Bekehrung zu Christus fehlt, daß seine Antwort eben nur eine vorläufige ist – Gott allein weiß es. Aber vielleicht begegnet er mir ja auch mit einer Antwort in seinem Leben, die mich bekehrt und neu zu Christus führt, die gemeinsam (am schönsten!) die Weite des Herzens Gottes und der Wirkungen seines Geistes entdecken lehrt!

Kirche ist dann auf dem Weg in die Zukunft Gottes und darum „Kirche mit Zukunft“, wenn sie in ihrem Beten und Leben, Verkündigen und Arbeiten ein offenes Auge, ein weites Herz, einen sehenden Verstand und eine zupackende Hand bewahrt getreu dem, der größer ist als unser Herz.

 

 

Minden 2001

 

 

© Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)

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