Christentum und Islam

Eine historisch-systematische Einführung / von Reinhart Gruhn

 

1. Vorbemerkung

In dieser Einführung kann die Darstellung des Verhältnisses von Christentum und Islam nur in einer allerersten Annäherung angegangen werden. Ich möchte die historischen Abläufe und Hintergründe der Entstehung des Islam skizzieren, die Entstehungsgeschichte des Christentums charakterisieren und aus dieser historischen Annäherung Fragen und Aufgaben für unsere Gegenwart artikulieren. Dabei wird sich zeigen, dass die Zeiten, in denen sich Europa nicht mit dem Islam auseinandersetzen musste, die Ausnahme waren. Aus einer solchen Epoche kommen wir. Heute begegnen wir wieder verstärkt der Herausforderung durch den Islam; es ist die zweitstärkste Religionsgemeinschaft in unserem Lande geworden mit ca. 8 Millionen Gläubigen. Überall im westlichen Europa, vor allem in den Metropolen, wachsen Minarette aus dem Boden. Muslime prägen das Bild vom „ausländischen Mitbürger“. Es ist eine unter uns beständig wachsende Religionsgemeinschaft, deren Struktur sich keineswegs mit den Kirchenstrukturen hierzulande vergleichen lässt: Muslime kennen keine „Kirchengemeinden“ mit irgendeiner hierarchischen Struktur. Es gibt nur die örtlichen Moscheen mit angeschlossenen Koranschulen. Die beiden Dachverbände „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ und der „Islamrat“ repräsentieren gegensätzliche Richtungen innerhalb des Islam und werden als konkurrierend wahrgenommen; beide dienen jedoch der Interessenvertretung der Muslime in Deutschland nicht zuletzt im Blick auf den muslimischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Mit der Gegenwart der Muslime in Deutschland müssen wir uns auseinandersetzen. Um diese Auseinandersetzung kenntnisreich und vorbereitet zu führen, ist ein Blick in die Geschichte des Islam aufschlussreich.

 

 

 

2. Die Entstehung und Ausbreitung des Islam

 

Der Islam ist eine Religion, deren Entstehung man genau datieren kann: Sie begann mit dem Auftreten ihres Begründers Muhammad Ibn Abdallah ab dem Jahre 610 (Berufungserlebnis) in Mekka. Muhammad war der Gründer, der Anführer und das erste Oberhaupt, der Offenbarer und Urheber seiner im Koran niedergelegten Visionen und Weisungen. Seine Glaubenslehre („Islam“ = Glaube) entstand im Umfeld der arabischen Wüste und ihrer städtischen Bevölkerung, arabischer Stämme, Juden und Christen. Auf beide Religionen und ihre Schriften bezog sich Muhammad und bediente sich aus ihnen wie aus einem vorgefundenen ‚Steinbruch’. Entscheidend war aber der Hintergrund des Lebens und der Kultur der arabischen Stämme, denen Muhammad ja auch selber als Angehöriger des Stammes der Quraysh zugehörte. „Arabien bestand zur Zeit Mohammeds aus einer großen Anzahl von Stämmen, deren einige sesshaft, die meisten beständig nomadisierend lebten, dazu ohne Gemeinsamkeit der Interessen, ohne gemeinsamen Mittelpunkt, und gewöhnlich in Fehde miteinander. Wenn die Tapferkeit genügte, um ein Volk unüberwindlich zu machen, so wären die Araber es gewesen. Ohne Krieg keine Beute, und es ist doch die Beute, von der die Beduinen hauptsächlich leben.“ Die arabischen Stämme bezogen ihren Zusammenhalt hauptsächlich aus dem engen Beziehungen der Familie, des Clans und des Stammes: Das Überleben dieser Grundeinheiten und ihre Ehre waren Hauptbezugspunkt des arabischen Ethos. Wenn das Überleben nur durch Raub möglich war, dann war Raub gerechtfertigt. Wenn die Ehre verletzt war, musste jedes Mitglied des Clans bzw. des Stammes danach trachten, die Ehre wiederherzustellen. Dies System gewährt dem Einzelnen einerseits Schutz, gefährdete aber andererseits immer wieder auch durch die Vielzahl der kriegerischen Auseinandersetzung die Existenz des Stammes. Die Stämme verfolgten in der Regel ihre eigenen religiösen Traditionen mit besonderen Stammesgottheiten; eine solche trug den Namen ‚Allah’; die Ka’aba in Mekka fand Muhammad als heidnisches Heiligtum vor.

Muhammad führte nun einen strikten Monotheismus ein: „Allahu akbar“, „Allah ist groß“ wurde zum einzig möglichen und erlaubten Gottesbekenntnis. Er schuf einen Ritus, der auf fünf Säulen beruht: 1. das Glaubensbekenntnis (schahada), 2. das fünfmalige Tagesgebet (salat), 3. das Almosengeben (zakat), 4. das Fasten (im ramadan) und 5. die Wallfahrt nach Mekka (hadjdj). Wichtiger noch war die Herauslösung des einzelnen Gläubigen (muslim) aus dem Bezugs- und Schutzfeld des Clans und des Stammes und seine Einfügung in die Gemeinde der Gläubigen (umma). Die Umma war für den Muslim fortan einziger Bezugspunkt, Ersatz für Familie und Clan: der neue „Super-Clan“, auf den die Notwendigkeit des Existenzkampfes und die Verteidigung der Ehre aus dem Stämmekodex nahtlos übertragen werden konnten. Die war arabisch, und die Sprache war arabisch: Die Aufzeichnungen der Offenbarungen Muhammads im Koran waren arabisch und galten als wörtliche und unveränderliche Offenbarungen Allahs. Deswegen darf der Koran nicht wirklich übersetzt und schon gar nicht historisch-kritisch erforscht werden. Arabisch war auch das politische und soziale System, in dem der Islam entstand; der Islam ist wesentlich „arabisch“. Bis heute werden die Suren des Korans in aller Welt arabisch zitiert. Die islamische Umma konstituierte sich von Anfang an als arabisch-stämmemäßiger „Gottesstaat“, als politisch-religiös-soziale Einheit der Lebenswelt der Muslime.

Muhammad scharte einen Kreis von Anhängern und Getreuen um sich und warb ab 620 für seinen neuen Glauben in seiner Heimatstadt Mekka. Dort wurden allerdings seine Umtriebe zunehmend kritisch gesehen und von der Oberschicht der Stadt bekämpft. Schließlich musste Muhammad 622 Mekka verlassen und floh nach Medina (Yathrib), ca. 200 km weiter südlich am Westrande der arabischen Wüste. Dort war nach einigen Unruhen sein Kommen willkommen, und Muhammad nutzte die Chance zum Aufbau seines ersten islamischen Gemeinwesens: Yathrib wurde ‚Al Medina’, die „Stadt des Propheten“. Das Jahr der Flucht von Mekka nach Medina (hidjra) 622 war auch der Beginn der islamischen Zeitrechnung. Muhammad baute in Medina ein religiöses Staatswesen auf, an dessen Spitze er selber mit seinen „Muslim-Brüdern“ stand. Die Trennung von „weltlich“ und „geistlich“ ist dem Islam völlig fremd. Von Anfang an war die Umma als Gottesstaat verfasst, in dem das Gottesrecht des Koran (scharia) gilt: Medina ist dafür das Urbild geworden; einen Bruch dieser Tradition hat es im Islam nie gegeben. Dabei vermittelte Muhammad in Medina die ‚islamisierte’ Ethik der arabischen Stämme: Verteidigung der Ehre Allahs, Vorherrschaft des Mannes, Unterwerfung der Frau, Schutzauftrag für die Schwachen (Muslime selbstverständlich).

Etwas weiteres kam hinzu, das für den Islam Jahrhunderte lang und bis heute Gültigkeit erlangte: Die Spannung zwischen Geduld und Anstrengung, Hinnahme und Kampf. Geduld und Hinnahme galt es für den Muslim so lange zu üben, wie er schwach und bedrängt war. Anstrengung und Kampf aber galt es einzusetzen, sobald sich die Möglichkeit bietet, selber dominant zu werden und den Herrschaftsbereich Allahs und seiner Muslime auszudehnen. „Hilm“ ist die Geduld, „djihad“ der Kampf. Dabei hat der Begriff djihad einen weiten Bedeutungsumfang; er kann die innere Anstrengung im Sinne der Selbstbeherrschung ebenso bedeuten wie die äußere Anstrengung als „heiliger Krieg“: Immer geht es um das aktive Ausdehnen des Herrschaftsbereiches Allahs und seiner Getreuen. Dabei stellt Allah dem Muslim ein klares Ziel vor Augen: den Eingang ins lebhaft ausgemalte Paradies. Das letzte Gericht ist die entscheidende Schwelle. Der Muslim kann sie durch besondere „Anstrengung“ sicher überschreiten: der „djihad“ ist dem Islam wesensmäßig. Und entsprechend der arabischen Stämmetradition  ist der djihad auch wesentlich gewaltsam. Eine kritische Aufklärung, die diesen Zusammenhang von religiösen und weltlich-politischen Bereichen hätte lösen können, hat es im Islam nie gegeben; eine solche Aufklärung ist ihm fremd, weil es den Abfall vom unbedingten Gehorsam gegenüber Allah bedeutete. Der Muslim genießt innerhalb der Umma Schutz und Hilfe, bleibt aber in seinem Djihad für Allah auf sich selbst gestellt: der für Allah erfolgreichste gewinnt. Dies charakterisiert den Islam viel eher als totalitäre Ideologie denn als Religion im modernen Sinne. Aber auch diese Unterscheidung ist dem Islam fremd: eine ‚Moderne’ gibt es nicht. Zu fragen bleibt allerdings, ob man dann so leichtfertig davon reden darf, wir hätten ja alle „ein und denselben Gott“!

Muhammad festigte seine Herrschaft in Medina unter anderem dadurch, dass er von Anfang an die Ausdehnung vor allem nach Mekka anstrebte: die Schmach der Flucht sollte getilgt werden. Die Kämpfe dauerten von 624 – 630, bis sich Mekka am Ende kampflos den Muslimkämpfern Muhammads ergab. In Mekka schuf Muhammad bis zu seinem Tode 632 das entscheidende islamische Zentrum: Die Kaaba führte er auf Abraham zurück und weihte sie somit allein Allah; Mekka wurde der neue Sitz der islamischen Bewegung mit ihrem Propheten Muhammad an der Spitze. Die entscheidende Trennungslinie verlief von nun an nicht mehr zwischen einzelnen Stämmen, sondern nur noch zwischen den Muslimen auf der einen Seite und allen anderen Ungläubigen auf der anderen Seite. Wie schon in Medina mussten alle Einwohner entweder Muslim werden oder weichen bzw. sich vertreiben lassen. Dies bezog sich auch auf die dort ansässigen Juden; sie hatten noch Glück dass sie nicht getötet wurden. Ebenso wie die Christen waren sie zwar als „Schriftbesitzer“ zugleich „Schutzbefohlene“ (dhimma), aber eben als solche Schutzbefohlene Menschen zweiter Klasse: Diener und Sklaven ihrer muslimischen Herren. Auch diese Entwicklung zeichnete sich in Mekka und Medina bereits ab; an den Quraysh feindlichen Stämmen nahm Muhammad grausam Rache. Von nun an galt die islamische Ethik: Alles für Allah, Kampf und Tod dem Unglauben, hier der „dar al islam“, das „Haus des Glaubens“, dort der „dar al harb“, das „Haus des Krieges“, die Welt des Unglaubens und der Ungläubigen, die eben nur mit Krieg zu bekehren oder zu vertilgen waren: „Tötet sie, wo ihr sie trefft, verjagt sie, von wo sie euch vertrieben; vertreiben ist schlimmer als töten. Bekämpft sie, aber nicht in der Nähe heiliger Stätten… ([Sure] 2/192). Die Verführung (zum Götzendienst) ist schlimmer als Krieg (im heiligen Monat) … Jene aber, die glauben und ausziehen, um für die Religion Allahs zu kämpfen, die dürfen Allahs Barmherzigkeit gewärtig sein … (2/218f).“  

Seinen Erfolg bezog Muhammad aber ohne Zweifel aus dem ihm eigenen Charisma. Seine Fähigkeit, Menschen in seinen Bann zu ziehen und sie mit seinen einfachen, aber das gesamte Leben umklammernden Religionsregeln zu lenken, waren entscheidende Voraussetzungen seines Erfolges und des Erfolges des Islam. Er pflanzte etwas ein, was den Menschen in seiner arabischen Umwelt nicht ganz fremd war, löste sie aber aus ihren vereinzelten und auch gegensätzlichen Traditionen heraus und fügte sie ein in das Haus des Islam, in die Umma, den alles ersetzenden und alles beherrschenden Super-Clan. Es war die Wirkung der Macht, die Muhammad gezielt einsetzte und für seine Religion nutzte: der Islam selber war nur erfolgreich, wenn er Macht erwerben und besitzen konnte. Religionspolitik war für Muhammad immer zugleich Machtpolitik – und blieb bei all seinen Nachfolgern das entscheidende Kraftfeld. „Dieses Kraftfeld speist sich aus der Wirkmacht des Verkünders und aus der Wirkmacht des vorislamischen Stammesdenkens. Muslim ist nicht nur, wer die Glaubensübungen vollzieht; Muslim ist auch derjenige, der Abweichungen bei anderen erkennt, und Muslim ist vor allem derjenige, der die religiösen, politischen und wirtschaftlichen Interessen des Islam schützt und sein Geltungsgebiet ausweitet. Alles Denken und Handeln ist auf die Stützung, Bestätigung und Förderung dieser neuen Glaubensform gerichtet, und der Kampf ist die bevorzugte Form ihrer universalen Verwirklichung. In diesem Kraftfeld lösen sich die alten Normen der genealogischen Verwandtschaft graduell zugunsten einer religiös-politischen Verwandtschaft, gewissermaßen zum „Superstamm“ der islamischen Gemeinschaft, in dem Maße auf, in dem sich ihre spirituelle Intensität mit wirtschaftlichen Anreizen verbindet:

„Wer für die Religion Allahs kämpft, mag er umkommen oder siegen, wir geben ihm großen Lohn.“(4/75)

Wer dieser Auffassung folgt, betritt den Weg zum Kriegsmartyrium, das jedoch für den wahrhaft Glaubenden alle Schrecken verliert, weil es nicht weniger als das Paradies selbst öffnet:

„Du darfst keineswegs die für tot halten, die für die Religion Allahs fielen; sie leben vielmehr bei ihrem Herrn, der ihnen reiche Gaben gibt.“(3/170)“

So beginnt mit Muhammad der sakrale Herrschaftsanspruch des Islam, der mit seinem Ritus und seinem Kampf dem Gläubigen den Weg ins Paradies öffnet. Einmal erobertes Gebiet (wörtlich!) durfte vom Islam nicht preisgegeben werden; es galt „Grenzbefestigungen“ (ribat) zu schaffen als Zufluchtspunkte der Muslim. Der islamischen Mystik, dem Sufismus, war an dem Kampf gegen die Begierden gelegen und an dementsprechenden ‚Fluchtburgen’; dem ‚normalen’ Islam aller übrigen Prägungen lag am djihad als sichtbarer Ausweitung des Herrschaftsbereiches des Islam. Gottesstaat, Kampf und Gewalt, unbedingte Fixierung auf die einzige Wahrheit Allahs sind nicht Auswüchse oder Sonderformen, sondern wesensmäßige Grundformen des Islam von seinem Anfang an. Manches an der heutigen Islam-Diskussion scheint diese Wurzeln und historischen Anfänge des Islam völlig aus dem Blick verloren zu haben.

Nach dem Tode Muhammads 632 übernahmen nach heftigen blutigen Nachfolgekämpfen für fast 30 Jahre die vier sog. ‚rechtgeleiteten’ Kalifen die Macht. Deren bedeutendster war Kalif Omar ibn al-Chattab (634 – 644). Ihre Regierungszeit war von einer gewaltigen Ausdehnung des Herrschaftsbereichs des Islam geprägt: In den nur 30 Jahren gelangten Syrien, Palästina, Ägypten, Arabien und Mesopotamien unter islamisch - kalifische Macht. Nach innen beherrschte weiterhin der Streit um die rechtmäßige Nachfolge das Geschehen; außer dem ersten Kalifen starb kein weiterer mehr eines natürlichen Todes. Der Erfolg der Ausdehnung des Islam und der Befestigung der Macht waren gleichzeitig Erweise des Segens Allahs; gewissermaßen darwinistisch musste sich jeweils der erfolgreichste (und damit oftmals gewalttätigste) Führer in Mekka durchsetzen. Abspaltungen waren die Folge; besonders geschichtsmächtig war die Abspaltung der Anhänger Imam Alis, des Schwiegersohns Muhammads. Auf seine Linie führen sich bis heute die Schiiten zurück. Der Kampf um die Macht war immer zugleich der Kampf um den rechten Glauben – und umgekehrt. Dies brachte einerseits eine Menge Instabilität, führte auf der anderen Seite aber zu einer faktischen Auslese der Macht. Nur so ist die unglaublich erfolgreiche Ausdehnung des Islam und seiner Herrscher in einem geografischen Raum zu verstehen, der bis dahin überwiegend hellenistisch,  jüdisch und vor allem auch christlich (Syrien!) geprägt war.

Betrachten wir die nachfolgenden Jahrhunderte nur noch im Überblick. Die Kalifen der Ummajjaden-Dynastie (661 – 750) breiteten ihre Macht und damit die Macht des Islam im Osten über Persien bis Indien hinein aus und drangen im Westen über Ägypten und Nordafrika bis nach Spanien vor. 100 Jahre nach dem ersten Ummajjaden - Kalifen standen die „Mauren“, d. h. die islamischen Araber, im Frankenland vor Poitiers, wo ihr weiterer Vormarsch durch Karl Martell 732  gestoppt wurde. Sie konsolidierten aber ihre Herrschaft in Spanien, wo sie 756 das Emirat Cordoba gründeten, das 929 Kalifat wurde und bis 1031 blieb. Während im Osten die Ummajjaden von der Herrschaft blutig verdrängt und durch die Dynastie der Abbasiden abgelöst wurden, konnten sie sich in Spanien an der Macht halten, ehe sie durch die „reconquista“, die Rückeroberung durch die Königreiche Kastilien und Arragon,  allmählich zurückgedrängt wurden (El Cid); Cordoba wurde erst 1248 wieder christlich – spanisch. Im gesamten Orient (mit Ausnahme von Konstantinopel – Byzanz)  entfalteten die Abbasiden ihre Macht; Harun al Raschid war um 800 der berühmte Kalif von Bagdad, der die Abbasiden zu ihrer Glanzzeit führte.

Nachdem die Herrschaft der islamischen Mauren im Westen Europa also im 13. Jahrhundert nach gut 500 Jahren zuende gegangen war, entstand im Osten ein neuer islamischer Machtfaktor, der die Abbasiden - Herrschaft praktisch ablöste und die nächsten fast 600 Jahre Bestand haben sollte: das entstehende Osmanische Reich des türkischen Islam. Sultan Murad drang weit auf den Balkan und nach Ungarn vor, besetzte 1361 Edirne und machte es in der Folgezeit zu seiner Residenz. 1453 fiel auch endlich (!) Konstantinopel , das die letzten 2 Jahrhunderte das oströmische Reich mehr symbolisierte als machtvoll darstellte: Es war de facto nur noch ein Stadtstaat gewesen. Dennoch hatte sein Fall große symbolische Bedeutung. 130 Jahre später, 1683, standen die Türken vor Wien und versetzten das westlich – abendländische Europa in Furcht und Schrecken. Die Belagerung Wiens war dann das Fanal, das die Habsburger zu energischem Widerstand brachte – mit Erfolg. Die Herrschaft der Osmanen war die Herrschaft unter dem Halbmond, war eindeutig und klar islamische Herrschaft. Nur Muslime konnten höchste Staatsämter erreichen. Andererseits war die Herrschaft der Osmanen sehr praktisch orientiert: sie erlaubten, was ihnen nützlich schien:

„Der Sultan gewährte christlichen Gruppen, die Spezialdiensteÿý etwa Bewachung von Pässen und Straßen, militärische Aufgabenÿý wahrzunehmen hatten oder die über spezielle Kenntnisse oder handwerkliche Fertigkeiten verfügten, großzügige Steuervergünstigungen und Privilegien. Selbst als Inhaber von Militärlehen sind gelegentlich christliche Reiter (Spahis) anzutreffen. Albanische Renegaten schafften den Aufstieg bis zu den höchsten Reichsämtern und finden sich selbst unter den Großwesiren. Ein Teil des bosnischen Adels hat durch die rechtzeitige Hinwendung zum Islam seinen ererbten Grundbesitz und seine privilegierte soziale Stellung bewahren können.“

Unter Pascha Selim III (1789 – 1807) schließlich erlebte das osmanische Reich eine späte Blütezeit und strahlte kulturell weit nach Westen aus. Unter anderem bei Johann Wolfgang von Goethe finden wir dann reiche Zeugnisse des neu entdeckten west-östlichen Dialogs (siehe sein „Westlich-östlichen Divan“ von 1809) und der gewissen Faszination, die von Pascha Selim ausging – siehe Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. Wenig im Bewusstsein von uns Heutigen ist die Tatsache, dass das Osmanische Reich erst mit seiner Niederlage am Ende des 1. Weltkriegs 1918 sein Ende fand und alle europäischen Territorien verlor: Damit war auch der Islam in seiner Herrschaftsgestalt vorerst aus Europa verschwunden. Geblieben waren islamisierte Völker auf dem Balkan; erst der jüngste Jugoslawien-Krieg in den 90ger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat uns auch mit den Folgen und Nachwirkungen des Osmanischen Reiches konfrontiert: Bosnien-Herzegowina leidet bis heute an der Zwietracht zwischen den islamischen Bosniern und den christlich-orthodoxen Serben. Hieran hat bis heute auch die UN-Verwaltung UNMIC in Sarajewo nichts ändern können, im Gegenteil: ihre Erfolglosigkeit liegt in den alten geschichtlichen Konflikten begründet. Wir sehen, dass das Thema „Islam in Europa“ keineswegs erst durch türkische „Gastarbeiter“ bzw. durch ausländische Mitbürger türkischer oder arabischer Herkunft gestellt ist. Die Auseinandersetzung Europas mit dem Islam hat die gesamte europäische Geschichte seit dem 7. Jahrhundert begleitet und verfolgt; eine Geschichtsvergessenheit besonderer Art macht uns heute glauben, es sei ein neues, jetzt erst aktuelles Thema, weil uns Moscheen mit ihren Minaretten auch in deutschen Großstädten unerwartet begegnen. Es wird höchste Zeit, sich offensiv mit dem Islam und seinen Herrschaftsformen auseinanderzusetzen, um ihnen widerstehen zu können.

 

 

3. Die Entstehung des Christentums – eine Charakteristik

 

Was ist denn an der Entstehung des Christentums anders als beim Islam? Auch der Beginn des Christentums ist ziemlich genau datierbar, der Religionsstifter scheint klar benennbar, und auch das Christentum kennt gewaltsame Mission mit Schwert und Blut (Franken, Sachsen, Indianer), Verquickung mit Machtpolitik als kaiserliche Staatsreligion seit Konstantin 313, Verfolgung Andersdenkender (Inquisition, Hexenverfolgung, Ketzerverbrennungen usw.). Die Geschichte des Christentums ist keineswegs gewaltfrei und tolerant verlaufen, und die innerchristlichen Streitigkeiten wurden auch oftmals nur blutig gelöst (z.B. Unterdrückung der Monophysiten, Papst-Schisma in Avignon, Bartholomäusnacht in Frankreich) und blieben und sind bis heute ein Stachel im Fleisch der Ökumene. Man war in der Regel schneller mit dem Verdammen als mit dem Versöhnen. Eine Einheit des Christentums hat es ebenso wenig gegeben wie einen einheitlichen Islam. Was also ist da der Unterschied?

Zunächst der Religionsstifter: Es ist nicht Jesus von Nazareth gewesen, sondern eher waren es Paulus und Jakobus. Jesus selber hat zwar Jünger um sich geschart, aber eben keine eigene „Gemeinde“ gegründet; auch die nachösterlichen Christen blieben zunächst eine Gruppe innerhalb der jüdischen Synagoge, so wie Jesus auch immer zuerst in die Synagogen gegangen ist und dort gepredigt hat. Wir haben direkt von Jesus historisch gesehen kaum etwas erhalten: einige Worte in einer Spruchsammlung, seine Herkunft, sein Todesort und die Todesart. Alles andere ist Bildung der ersten Gemeinden, ist nachösterliche Verkündigung aufgrund der Erlebnisse und Visionen und ihrer Interpretationen seitens der Jünger und „Apostel“. Erst mit der Trennung von der Synagoge, konkret in der Heidenmission des Apostels Paulus, entstand eine eigenständige Religionsgemeinschaft, eben die Christengemeinden. Man könnte die Geburt des Christentums auf das sog. Apostelkonzil in Jersusalem im Jahre 48 n. Chr. datieren, ca. 18 Jahre nach Jesu Tod. Schon aus diesen wenigen Fakten wird deutlich, dass das Christentum nicht das Werk eines einzelnen Religionsstifters ist, sondern eines ganzen Gruppe von Menschen an unterschiedlichen Orten (Jerusalem, Antiochia, Damaskus), die allerdings vom Predigen, Leben, Sterben und ‚Auferstehen’ des Jesus aus Nazareth inspiriert sein wollten. Am Anfang des Christentums stand also eine lose, im Innern ‚anarchische’ Verbindung verschiedener Gruppen von Christusgläubigen, die sich erst nach und nach Strukturen gab. Dabei sind diese Strukturen eher Abbild der Synagogenstrukturen und keine politischen Herrschaftsstrukturen, war man doch als Christengruppe von der traditionellen Synagoge verfolgt, später auch vom Kaiserkult Roms bedrängt. Das änderte sich erst mit dem Toleranzedikt des Kaisers Konstantin, aber das war knapp 300 Jahre später. Es ist mehr als ein Bonmot, wenn gesagt wurde: „Jesus von Nazareth verkündete das Reich Gottes. Was dann kam, war die Kirche.“ Darin ist Wandel und Abgrenzung im Verhältnis von Christentum als Religion und Jesus Christus als dem Gegenstand ihrer Verkündigung deutlich enthalten.

Die Gewaltgeschichte, gerade auch die Geschichte des Gebrauches und Missbrauches politischer Macht, gehört zur Ausbreitung des Christentums untrennbar dazu. Hier gilt es nach wie vor viel Entsetzliches aufzuarbeiten und wenig zu entschuldigen: Die Christentums- geschichte ist keine Ruhmesgeschichte. Ein Jahrhundert des Kolonialismus und blutigste Religionskriege (30 jähriger Krieg) und zwei Weltkriege einschließlich der Atombombe gingen vom „christlichen Abendland“ aus. Dennoch ist ein entscheidender Unterschied zum islamischen Herrschaftsbereich in all den Jahrhunderten festzustellen: 1. In den christlichen ‚heiligen Schriften’, insbesondere in den Schriften des Neuen Testaments, gibt es keinerlei Begründung für gewaltsame Herrschaft und Ausdehnung der Christen, im Gegenteil. 2. Das Christentum trug und trägt darum die Kritik seiner faktischen Lebensformen immer in sich. 3. Die christliche abendländische Kultur hat in der Aufklärung und Säkularisierung einen Selbstreinigungsprozess initiiert, der geistesgeschichtlich ohne Beispiel ist.

 

Besonders durch die zuletzt beschriebenen, bis heute kaum in ihrer Gänze zu überblickenden und zu würdigenden Prozesse hat die Christliche Religion eine Entwicklung durchgemacht, die weltgeschichtlich so ohne Beispiel ist und, wenn überhaupt, in den Weiterentwicklungen und Transformationen des jüdischen Gottesbildes ein Äquivalent hat. Diese Parallele wäre aber auch kein Wunder, stammen beide Religionen doch aus ein und derselben Wurzel. Zu diesen Entwicklungen gibt es im Islam keinerlei Entsprechung. Ganz im Gegensatz dazu ist der Hauptteil dessen, was heute oftmals am Islam kritisiert wird, kein Auswuchs, sondern immer und von Anfang an wesentlicher Teil der islamischen Religion: Islamismus gehört zum Islam. So gesehen liegen tatsächlich zwischen dem Christentum einerseits und dem Islam andererseits kaum vermittelbare Welten.

 

4. Ausblick

Wir sind am Ende der vergleichenden Darstellung. Es ist und bleibt eine Annäherung: fast zu jedem Absatz dieses Vortrages wären längere und tiefergehende Erörterungen notwendig. Dieser abrissartige Überblick geht davon aus, dass Entstehungsgeschichte und Wesen der Religionen zusammenhängen und einander erklären. Deren Kenntnis ergibt ein gutes Fundament für eine aktuelle fruchtbare Auseinandersetzung. Die ist allerdings überfällig. Das christliche Abendland hat sich viel zu lange vor der modernen Herausforderung des Islam gedrückt. Inzwischen ist die Auseinandersetzung sowohl innenpolitisch als auch in globaler Hinsicht geboten. Ein voreiliges „Appeasement“ unter der Überschrift „Dialog“ oder „Gespräch der Religionen“, die doch alle nur an ein und denselben Gott glauben, vernebelt mehr und führt dadurch in die Irre, als dass es hilft. Ehrliche und kräftige Auseinandersetzung aber wird das Gegenüber als Konkurrenten im Meinungsstreit um das Wesen Gottes und des wahrhaft Menschlichen begreifen. Es wird ihn bei seinen Ansprüchen, Wirkungen und Realitäten behaften und ihm gegebenenfalls im Interesse einer ‚modernen’, das heißt aufgeklärten und freiheitlichen Sicht der Welt und einer Bewusstwerdung und neuen Wertschätzung eigener Religiosität und Weltlichkeit entschieden und entschlossen entgegentreten.  

Das Christentum ist zu wichtig, um nicht verteidigt und behauptet zu werden; der Islam ist zu mächtig, um nicht mit allem Ernst und aller Deutlichkeit zurückgewiesen zu werden.

Minden 2003

© Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)
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