Chancen des Christlichen

 

I.  

Ich gehe von drei gegenwärtigen Erfahrungszusammenhängen aus:

 

1. Christen werden weniger.

Dies gilt zum einen zahlenmäßig: Die Zahl der Christen in Deutschland nimmt stetig ab. Grund dafür ist sowohl die demografische Entwicklung als auch die kontinuierliche Zahl von Kirchenaustritten. Damit hängt die andere „Kurve“ zusammen: Das Geld wird weniger. Weniger Kirchensteuerzahler lassen die kirchlichen Haushalte stetig abschmelzen. Mit immer weniger Geld lassen sich längst nicht mehr all die Dienste und Einrichtungen betreiben, die die Kirchen in Deutschland seit Jahrzehnten übernommen haben. Auch die Gemeinden selbst schrumpfen, werden zusammengelegt, Kirchengebäude umgenutzt oder verkauft. Die „Volkskirche“ ist faktisch zu Ende.

Dies gilt auch in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Kirchliche Feiertage werden von einer Großzahl der Menschen kaum mehr als „kirchlich“ empfunden; es ist freie Zeit für Freizeitaktivitäten. Auch die „Sonntags-Heiligung“ wird von den Kirchen kaum mehr religiös-geistlich, sondern nur noch sozial und humanistisch begründet: Es tue dem Menschen gut, regelmäßig Pause zu haben. Die Schließungszeiten der Geschäfte werden in der öffentlichen Diskussion jedenfalls nicht mit christlich-religiösen Motiven begründet. Der Coffee-Shop um die Ecke hat am Sonntag Vormittag mehr Zulauf als der Gottesdienst in der Kirche. Christliches als Sitte und praktisch erfahrbarer Lebenszusammenhang wird in der Öffentlichkeit immer weniger sichtbar.

Und schließlich erleben Christen seit Jahren eine ungewohnte Konkurrenz: Andere Religionen sind auf dem Markt, an vielen Orten ist der Islam deutlich sichtbar im Vormarsch. Das Christliche hört auf, die wesentliche Prägekraft der Alltags- und der Sonntagskultur in Deutschland zu sein. Zwar gibt es bei besonderen Anlässen, meist Katastrophen, öffentliche TV-Gottesdienste, aber sie bleiben Einzelfälle, „Events“. Das Christliche nimmt an Bedeutung ab.

 

2. Religion bleibt bedeutsam.

Das ist die andere Erfahrung unserer Zeit: Religion als solche scheint wichtig, bedeutsam und wirklich wie lange nicht mehr. Schien seinerzeit die Errichtung eines „Gottesstaates“ im Iran noch eine Ausnahme, eine Einmaligkeit, so haben wir uns inzwischen daran gewöhnen müssen, dass es in den vielen islamischen Ländern starke Bewegungen für eine Herrschaft der Religion über den Staat gibt. Früher war beispielsweise bei den Palästinensern die weltliche Fatah-Organisation dominierend; heute ist es die islamische Hamas oder noch radikaler der islamistische Dschihad. Nicht zuletzt der islamistische Terrorismus hat uns die Bedeutung der Religion in den Kämpfen und Auseinandersetzungen dieses neuen Jahrhunderts drastisch vor Augen geführt. Und wir glaubten, der „Religionskrieg“ in Nordirland wäre anachronistisch!

Aber wir brauchen nicht nur auf die Bedrohung durch den Islam und den Islamismus zu schauen, um die Wirksamkeit von Religionen unter uns zu beschreiben. Es gibt in der deutschen Gesellschaft eine Vielzahl von religiösen Möglichkeiten und Angeboten, so viele wie selten zuvor. Da sind die mystischen, esoterischen Kreise, die buddhistischen Zentren, andere neu erstarkte christliche Konfessionen (früher sagte man dazu Sekten), neuzeitliche religiöse Bewegungen wie die Mormonen, die in der westlichen Welt am stärksten wachsen, die Scientology Church und viele, viele andere religiöse Gruppen und Nischen, die in unserer Gesellschaft alle ihre Chance und ihre „Kunden“ haben. Der einzelne mag sich dann auch das zusammenbasteln, was die Soziologen „Patchwork-Religion“ nennen. Man sucht sich an religiösen Vorstellungen das aus, was einem am meisten zusagt. Die Kirche ist tot - die Götter leben!

Auf diesem Hintergrund ist es auch fraglich, ob die Kirchentage wie der dieses Jahr in Hannover wirklich eine Ausnahme dieses Trends sind. Zwar konnte man ein Großereignis mit einer beeindruckenden Zahl von Menschen sehen und erleben, die ihren christlichen Glauben in den unterschiedlichsten Facetten zum Ausdruck brachten. Nichts kann aber darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Teilnehmer „Profis“ waren: haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter und vor allem Mitarbeiterinnen aus den Kirchengemeinden. Auch so ist der Kirchentag ein wichtiges Ereignis der Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung der evangelischen Kirchen in Deutschland. Aber er hat längst aufgehört, ein gesamtgesellschaftliches Ereignis mit „Fernwirkung“ zu sein.

 

3. Verbindliche Werte fehlen.

Es ist inzwischen zu einem Gemeinplatz geworden festzustellen, dass die Verbindlichkeit von allgemein anerkannten Werten nachgelassen hat. Alles ist erlaubt, solange sich nicht ausdrücklich eine größere Gruppe von Menschen darüber aufregt oder eine Gesetzesübertretung festgestellt wird. Man spricht von einer Gesellschaft von „Egomanen“ oder „Egoisten“ nach dem Motto: Denkt jeder an sich, wird an alle gedacht. Dies in solcher Allgemeinheit zu behaupten ist natürlich eine Überzeichnung, eine Übertreibung, und darum falsch. Es gibt sehr viel mitmenschliches Engagement und ehrenamtliche Betätigung. Dennoch hat diese plakative Überzeichnung ja einen Kern Wahrheit. Die Allgemeinverbindlichkeit von Werten (zum Beispiel: Rücksichtnahme, Respekt vor dem anderen, Respekt vor dem Alter, Ritterlichkeit, Ehrlichkeit, Opferbereitschaft) ist so nicht mehr vorhanden. Vielleicht waren diese Werte niemals allgemeinverbindlich, aber sie waren zumindest als „Idealwerte“ anerkennt. Noch die berühmten, inzwischen teilweise wieder eingeführten „Kopfnoten“ geben darüber Auskunft. Disziplin wurde lange Jahre als „preußische“ Tugend des Militarismus verdächtigt und abgewertet; nicht einmal Selbstdisziplin war dann mehr möglich. An deren Stelle trat die Selbstverwirklichung, zur Not auf Kosten anderer. In der öffentlichen Diskussion ergab sich darüber hinaus noch eine politisch wirksame Uminterpretation von Werten und Maßstäben: „National“ gilt als „rechts“ und negativ, „gesellschaftlich“ als „links“ und darum positiv. Interessant ist gegenwärtig die Beachtung, die um der Steigerung der Geburtenzahlen (!) die Familie wieder bei vielen Parteien gewinnt. Allerdings ist die linke Ideologie, die da gleich nach Krippenplätzen und mehr Ganztagsbetreuung der Kleinkinder ruft, noch mächtig am Werk. Die Gesellschaft soll es richten, was den einzelnen Menschen an Werten, an Maßstäben und Normen fehlt. Die christliche Religion war es einst, die solche Werte und Normen vermittelte und verkörperte.

 

II.

Das Christliche ist aber keineswegs am Ende. Das Christliche hat die größten Chancen, weil es dem Menschen Halt und Orientierung gibt und der staatlichen Gemeinschaft von Menschen grundlegende Werte vermittelt.

 

1. Sich der eigenen Religion und Tradition bewusst sein.

Dies ist das erste und wichtigste: dass wir unsere eigene Religion und Tradition wertschätzen. Nur was wir selber für wertvoll erachten, können wir auch anderen als schätzenswert vorleben und deutlich machen. Um die eigene religiöse Tradition und Glaubensweise wertzuschätzen, müssen wir sie aber selber kennen und pflegen. Es geht also darum, unsere Wahrnehmung zu schärfen im Blick auf unsere eigene religiöse Herkunft und unser konfessionelles Zuhause. Nur als konkret gelebte Religion ist das Christliche eine Macht.  

Wir sollten also die vielfältigen Formen unseres Glaubens neu aufsuchen und sie in die Mitte unseres christlichen Lebens stellen. Dies gilt für die gemeinschaftliche religiöse Praxis des Gottesdienstes genauso wie für religiöse Formen und Lebensvollzüge im Privaten, in der Familie und im je individuellen Leben. Alte Formen müssen dafür erst wieder neu entdeckt, geprüft und in unseren heutigen Lebenszusammenhang gestellt werden. Nur „das Alte“ ist sicher nicht die Lösung. Tradition will angeeignet sein. Jede Aneignung aber ist auch eine Form der Adaption, der Veränderung. Wir müssen zu aller erst aber wissen und schätzen, was wir an Formen und Inhalten in der gottesdienstlichen Liturgie, in Liedern, Gebeten, religiösen Bräuchen und Ausprägungen haben. Als lutherische Gemeinde und lutherische Christen werden wir hierbei besonders auf die Traditionen achten, die wir der lutherischen Reformation verdanken. Die Gewissensfreiheit und Eigenverantwortlichkeit des Menschen gehören in jedem Falle auch dazu.

Was uns dann neu wichtig wird, können wir überzeugt und überzeugend weitergeben. „Die Welt“ merkt sehr genau, was ein lebendiger Inhalt oder bloß eine leere Form ist. Darum sind das Bewusstmachen und die Wertschätzung der eigenen Religiosität die wichtigste Voraussetzung, das Christliche unter uns wieder wichtig werden zu lassen.

 

2. Wertvorstellungen in den Mittelpunkt rücken.

Wem sein Glaube der höchste Wert ist, der wird sich diesen Schatz nicht nehmen lassen, sondern ihm gemäß leben und arbeiten. Christliche Werte sind darum nichts dem Glauben Fremdes, erst gesondert zu Entwickelndes oder zu Begründendes, sondern die Wertvorstellungen des Christen sind unmittelbarer Ausdruck seines Glaubens. In dem Maße, in dem Christen ihren Glauben sichtbar und deutlich leben, werden auch die christlichen Werte sichtbar und erkennbar. Sie gilt es als die Außenseite des Glaubens in der Öffentlichkeit hochzuhalten.  

Die Gewissensfreiheit ist ein Grundwert, weil der Glaube das Gewissen prägt und bindet. Insofern gehört Glaube zum Menschsein, ist er der humane Grundwert schlechthin. Religion und Glaube sind grundlegende Dimensionen des Menschlichen. Seinen Glauben frei zu leben ist darum der fundamentale Wert, den Christen in ihrem Umfeld leben und beanspruchen.

Jeder Mensch ist selber unmittelbar zu Gott. Diese reformatorische Grunderkenntnis begründet die Freiheit des einzelnen vor Gott. Gott ruft jeden Menschen, er will Gehör und Gehorsam von jedem einzelnen, weil er die Vergebung der Sünden und das Rechtsein des Menschen auch nur jedem einzelnen zusprechen kann. Die Freiheit zu Gott und vor Gott gilt für jeden Menschen unabhängig von Rasse und Klasse, Zeit und Raum.

Als Mensch, dem Gottes Liebe gilt, lebe ich mit anderen Menschen, denen Gottes Liebe ebenso gilt. Die Freiheit vor Gott führt mich darum sogleich in die Freiheit, die wir uns untereinander gewähren. Meine eigene Freiheit hat ihre Grenze immer in der Freiheit des anderen; ebenso hat die Liebe, dich ich von Gott empfange, immer die Liebe zum anderen als ihre Erfüllung. Das mitmenschliche, rücksichtsvolle und respektvolle Leben in gegenseitiger Achtung und Selbstdisziplin ist daher die gefüllte Form des christlichen Lebens, Ausdruck des Glaubens selbst.

Christliches Leben schließt die Annahme des Leidens ein. Kein Leben auf dieser Erde ist vollständig, vollkommen. Leben, wie es praktisch sich vollzieht, ist immer leiderfüllt. Annahme des Leides und des eigenen Leidens gehört zur Übung des Glaubens dazu. Leiden ist nicht das Letzte; das Letzte und Wichtigste ist die Freude, die Gott ist und gibt, die wir Christen weitergeben können, Freude in allem Leide. Darum ist die Geduld eine Grundtugend des christlichen Menschen. Erst die Geduld führt zu der Hoffnung, die über die Grenzen unseres Lebens weit hinausreicht.

 

3. Christliches Leben in die Offensive!

„Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über.“ Es ist an der Zeit, dass Christen von dem reden, laut reden, was ihnen wichtig, lieb und wert ist. Sich still an den Rand drücken zu lassen, haben Menschen des Glaubens nicht nötig. Christen sollen sich einmischen, mitreden, Laut geben, ihren Glauben öffentlich machen. Indem Christenmenschen ihre Verantwortung zuerst für sich selber, dann ebenso für den Mitmenschen wahrnehmen, geben sie in der Öffentlichkeit ein positives Beispiel für die Kraft des Glaubens und für die Chancen eines christlichen Lebens. Ihre Orientierung und Werte können Vorbilder für die Menschen sein, die nach Halt, Trost und Orientierung suchen. Christlicher Glaube will an die Öffentlichkeit, weil Gott nicht ein Gott des Privaten ist, so sehr er jeden einzelnen „ganz privat“ meint und ruft und anspricht. Denn Gott ist in Christus zur Welt gekommen, um die WELT zu retten. Diese Wahrheit schulden die Christen der Welt: dass der Mensch in der Gottesferne als Sünder nur verloren ist, nur selber verlieren kann; dass Gott aber den Fernen zu sich ruft und als sein Kind annehmen will; dass diese Liebe Gottes einen Namen trägt: Jesus Christus. Dieser Name ist das Adelsprädikat eines jeden Menschen. Wir dürfen es niemandem vorenthalten.

 

Minden 2005

 

© Dr. Reinhart Gruhn, Kempten (Allgäu)

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